Review: «Titanfall 2» – ein Soldat und sein Roboter

Rasante Bewegung, Kampfroboter und eine Einzelspieler-Geschichte, die mehr Hüpf- als Schiessspiel ist: «Titanfall 2» ist grossartig, wird aber zum schlechtest möglichen Zeitpunkt veröffentlicht.

Das erste «Titanfall» war einer der innovativsten Shooter der letzten Jahre. Die rasante Bewegung und die gewaltigen Kampfroboter (die «Titans») boten völlig neue Dynamik und grossartige Unterhaltung. Im Nachfolger «Titanfall 2» ist der Multiplayer-Modus nur leicht überarbeitet – neue Massstäbe setzt Respawn dagegen mit der Singleplayer-Geschichte.

Im ersten Teil fehlte ein echter Einzelspieler-Modus, was weit herum kritisiert wurde. In «Titanfall 2» gibt es nun einen – und der ist absolut grossartig.

Video: Guido spielt «Titanfall 2» (Let’s Play)

Hüpfspiel, mit Schiessen zur Entspannung

Oft sind Schiessspiele alleine nicht so toll wie mit und gegen andere Spieler. «Titanfall 2» ist eine Ausnahme. Weil die Schauplätze schön variieren, wir regelmässig tolle neue Waffen erhalten und diese so gut klingen wie in kaum einem anderen Spiel («Meaty!», sagen die Amerikaner). Und vor allem, weil «Titanfall 2» eigentlich ein Hüpfspiel ist. Besonders in den Kapiteln Drei und Fünf («Into the Abyss» und «The Beacon)» suchen wir unseren Weg durch grosse, weitläufige Level, hüpfen und springen in rasendem Tempo über schwindelerregende Abgründe – das Schiessen dazwischen ist da schon fast entspannend.

Dabei setzt «Titanfall 2» nach wie vor auf «Wall Runs» und «Double Jump» – wir können Wänden entlang rennen, ohne herunter zu fallen und nach einem Sprung dank eines «Jump Packs» noch einmal zusätzliche Höhe gewinnen. Was in Mehrspieler-Kämpfen für hohes Tempo sorgt, wird nun im Einzelspieler-Modus in allen Varianten ausgekostet – kein Level ist gleich wie andere, laufend werden neue Ideen eingeführt.

Roboterarme und künstliche Gebäude. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Da sollen wir hochspringen! Screenshot SRF

Zum Beispiel ein Zeitsprung (per Knopfdruck zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechseln), sehr ähnlich wie in «Dishonored 2», über das ich eben erst gejubelt habe. Hier ist die Funktion deutlich Action-lastiger – wir bekämpfen fast gleichzeitig in beiden Zeiten Gegner oder wechseln mitten im Sprung die Zeit.

Mit rund sieben, acht Stunden hat die Geschichte eine ideale Länge. Sie wiederholt sich nie, bietet eine perfekte Dynamik zwischen wildem Adrenalin und ruhigeren Abschnitten zur Erholung, bombastischen Roboter-Kämpfen und kniffligen Kletterpartien.

Daumen hoch! Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lustige Witzchen mit dem Roboter. Screenshot SRF

Buddy Movie mit Roboter

Garniert wird diese Achterbahnfahrt mit einer Buddy-Movie-Geschichte eines Infanteristen, der per Unfall zu seinem eigenen Kampfroboter namens «BT-7274» kommt. Wir bauen langsam eine Beziehung zu ihm auf. Die klassischen Action-Film-Witzeleien zwischendurch funktionieren. Ich würde jetzt nicht so weit gehen und behaupten, dass uns der Roboter ans Herz wächst. Das Ende habe ich meilenweit kommen sehen, auch trotz einer Finte kurz davor. Deshalb hatte es dann nicht das emotionale Gewicht, das es wohl hätte haben sollen. Doch weil die Singleplayer-Kampagne mechanisch so grossartig ist, darf die Geschichte durchaus etwas zu tief in die Klischee-Kiste greifen.

Den Multiplayer-Modus finde ich nach wie vor grossartig: Das Spielgefühl ist rasant, weil wir uns so schnell bewegen können. «Titanfall 2» bleibt einer der schnellsten, hektischsten Shooter überhaupt. Der Wechsel zwischen Pilot und Titan ist noch immer jedes Mal aufregend. Und ich finde es grossartig, dass es nur wenig freizuschalten gibt – nach wie vor steht im Vordergrund, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern, statt die der Spielfigur.

«Boosts» statt «Burn Cards»

Nur ein System wurde wesentlich verändert: «Burn Cards» gibt es nicht mehr, stattdessen wählen wir einen von 12 «Boosts». Im ersten Teil gab es in jeder Runde «Burn Cards» zu finden – die konnten wir später einsetzen und uns so einen kleinen Vorteil gewähren. Jetzt wählen wir vor der Runde einen freigeschalteten «Boost» aus. Im Kampf laden wir ihn dann auf, so wie wir uns auch den Kampfroboter erst verdienen müssen. Haben wir genug Gegner getroffen oder Flaggen verteidigt, können wir den Boost aktivieren und für eine kurze Zeit beispielsweise die Waffe verstärken oder auf der gegnerischen Karte nicht mehr auftauchen.

Eindrückliche Bergkulisse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Romantischer Spaziergang. Screenshot SRF

Der Wechsel macht diese temporären Verstärkungen etwas weniger zufällig. Ausserdem müssen wir sie uns in der gleichen Runde verdienen, es werden also gute Spieler sofort belohnt. Mir haben zwar die «Burn Cards» gerade deswegen gefallen, weil sie als Wildcard immer wieder überraschendes Ungleichgewicht ins Spiel brachten. Doch auch ich muss zugeben, dass die Boosts klar fairer sind.

Zu viel Feind, zu wenig Ehr

«Titanfall 2» ist also ein grossartiger Shooter. Umso unverständlicher ist es, dass es Publisher Electronic Arts für eine gute Idee hielt, das Game nur eine Woche nach dem Giganten «Battlefield 1» zu veröffentlichen. Damit musste «Titanfall 2» nicht nur direkt gegen «Call of Duty: Infinite Warfare» von Activision antreten, sondern gleichzeitig gegen den Konkurrenten aus dem eigenen Haus. Auch wenn sich «Titanfall» völlig anders als «Battlefield» spielt – das Publikum überschneidet sich eben doch. Entsprechend bliebt der Verkauf von «Titanfall 2» deutlich unter den Erwartungen.

Damit könnte «Titanfall 2» einen tragischen Titel einheimsen: das beste Spiel des Jahres, das ihr nicht gespielt habt.

«Titanfall 2» ist für Playstation 4, Xbox One und Windows PC. Es ist ab 16.