iOS 7: Licht statt Leder

Das neue Design von Apples mobilem Betriebssystem iOS 7 bestätigt einen Trend: Computer-Technologie muss nicht mehr die reale Welt nachahmen, um verständlich zu sein.

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iPhone 5c und 5s

iPhone 5c und 5s

Apple

Zwei neue iPhone-Modelle kommen im Dezember in die Schweiz: Das iPhone 5c – etwa gleich wie das aktuelle 5, aber in Plastik und fünf Farben. Und das iPhone 5s mit schnellerem A7-Prozessor, 64bit-Architektur, verbesserter Kamera und einem Fingerabdrucksensor auf dem Home-Button, der das Smartphone entsperren und das App-Store-Passwort ersetzen soll.

Am Dienstagabend hat Apple die Presse geladen, um neue iPhones zu zeigen (siehe Kasten). Doch Geräte sind im immer härter umkämpften Smartphonemarkt schon länger nicht mehr entscheidend. Die Kunden wählen stattdessen ein Betriebssystem und das damit verknüpfte «Ökosystem» aus Apps, Diensten und Inhalten. Und genau dieses Betriebsystem frischt Apple nun gut sichtbar auf. Das neue iOS 7 trennt sich dabei insbesondere von einem alten Design-Trick.

Der hilft uns, seit es auf Computern grafische Oberflächen gibt: Ein Symbol ahmt ein Objekt aus der realen Welt nach; eine Funktion des Computers lehnt sich an die Funktion eines vergleichbaren realen Objektes an. Wir sortieren Dateien, die aussehen wie kleine Papierblätter – in Ordnern, die aussehen wie Hängeregister. Wir schauen auf einen «Schreibtisch». Ein E-Mail-Symbol sieht aus wie ein Brief-Couvert. Eine Kalender-Applikation sieht aus wie eine Agenda aus Papier. Wir machen uns Notizen in einer App, die einem Notizblock gleicht. Wir blättern. E-Books stehen in einem Holzgestell. Wir tippen auf einer Tastatur, die auch auf einem Touchscreen aussieht wie die vor dem PC.

Skeuo– was?

Diese Metaphern – man nennt sie «Skeuomorphismus» – haben eine einfache Funktion: Sie machen komplexe Software leicht verständlich. Weil eine Funktion oder ein Programm aussieht und sich verhält wie seine reale Entsprechung, ist uns auf einen Blick intuitiv klar, was dieses Ding wohl tun wird. Die Metapher senkt die Eintrittsschwelle – statt alles neu lernen zu müssen, finden wir uns schneller zurecht.

Am 18. September wird nun ein grosser Schritt passieren: Einige Millionen Nutzerinnen und Nutzer von Apple-Geräten werden mit ihrem Finger «Ok» antippen und ein Software-Update starten, auf das neue iOS 7. Ist es abgeschlossen, werden wohl Einige etwas erstaunt auf ihr Telefon blicken. Denn im Gegensatz zu früheren Updates kommt iOS 7 in ganz neuem Kleid daher. Und lässt viele gewohnte Metaphern hinter sich.

Flache Farbverläufe

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200 Millionen Updates?

Gut 700 Millionen iOS-Geräte hat Apple verkauft. Kompatibel mit iOS 7 sind Geräte ab iPhone 4, iPad 2 und iPod touch der 5. Generation.

iOS 6 läuft laut Apple auf 94% aller Geräte, die sich Ende Juli 2013 mit dem App Store verbunden haben. Einen Monat nach dem Erscheinen von iOS 6 hatten es schon rund 60% der Geräte installiert.

Und das ist eben nicht nur Kosmetik. Gelbes Linien-Papier, Faux-Leder-Einbände, abgerissene Ränder, poliertes Aluminium, Holzbalken, simuliertes Plastik sind verschwunden. Stattdessen dominieren helle, flächige Farbverläufe und dünne, schnörkellose Schriften.

Dazu wird alles flacher. Die Icons werfen weder Schatten unten rechts noch glänzen sie. Sie scheinen nicht mehr hervorzustehen. Die Benachrichtigungen und ein neues Menü mit den gängigsten Einstellungen gleiten von oben respektive unten in den Bildschirm und sind leicht transparent.

Statt wie bisher eine Lichtquelle über dem Gerät zu simulieren, scheint diese nun im Gerät selbst zu sitzen. Damit dennoch verschiedene Ebenen übereinander gelagert werden können, ohne zu verwirren, behilft sich iOS 7 mit Animationen oder abgedunkelten Bereichen.

Damit gibt iOS 7 auf, seine Bestandteile wie berührbare, echte Dinge aussehen lassen zu wollen wie kleine quadratische Plastikstücklein. Es wirkt stattdessen luftig und abstrakt.

Symbole bleiben, Materialien verschwinden

Zwar bleiben viele der gewohnten Icons bestehen. Die Mail-App verwendet nach wie vor Briefumschläge und Eingangs-Kistchen als Symbole. Das Kalender-Icon erinnert noch immer an einen Abrisskalender an der Wand. Doch diese Symbole sind ebenfalls flacher und abstrakter geworden. Sie erinnern weniger an ihr echtes Vorbild als an das frühere Icon.

Komplett verschwunden sind Nachbildungen echter Materialien. Statt Leder, Glas, Plastik, Holz und Aluminium finden wir nun nur noch etwas Unnatürliches, rein Digitales: farbiges Licht.

Jony statt Jobs

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Farben, Farben, Farben!

Weisse Striche auf rot-pinkem Grund: Die redesignte Schweizer Flagge.

@Fontblog: «Jony redesigns Swiss flag.» jonyiveredesignsthings.tumblr.com

Die grundlegenden grafischen Elemente – knalliges Neon und flache Farbverläufe – wurden nach der Ankündigung von iOS 7 sofort parodiert; eine schöne Sammlung findet sich im Blog «Jony Ive Redesigns Things».

iOS 7 markiert damit auch optisch die Ablösung von Übervater Steve Jobs, einem bekennenden Verfechter des Skeuomorphismus. Die jetzt erscheinenden iPhones und iOS 7 entstanden vollständig unter der neuen Führungscrew um CEO Tim Cook und Chef-Designer Jonathan «Jony» Ive. Lange für die Apple-Hardware verantwortlich, ist Ive seit Juni diesen Jahres «Senior Vice President of Design» und damit auch für das Design des neuen iOS zuständig.

Doch nicht nur Ive und iOS setzen auf flache Farben. Auch Android-Smartphones wirken flach, besonders in Menüs und auf dem Homescreen. Auch sie orientieren sich nicht an realen Materialien.

Noch deutlicher wird das Prinzip in der Metro-Design-Sprache von Microsoft. Schon 2006 probierte man flächige Farben, schlanke Schriften und Kacheln aus, auf dem allerdings erfolglosen Musik-Player Zune. Ein Auffrischen der Software der Xbox 360 im gleichen Stil folgte zwei Jahre später. Und mit Windows Phone und Windows 8 fand Metro dann schliesslich den Weg auf Smartphones, Tablets und gar PCs.

Tief im Alltag verankert

Das ist mehr als eine Mode. Smartphones mit ihren Touchscreens und Apps haben gewohntes Computer-Design wie Ordner und Schreibtische ohnehin über den Haufen geworfen. Und sie haben Computer-Technologie vom Schreibtisch in unsere Hosentaschen verlagert und damit tief im Alltag verankert. Wir haben uns nun so sehr an diese Geräte gewöhnt, dass wir die Metaphern schlicht nicht mehr im gleichen Mass brauchen, um uns zurecht zu finden.

Umgekehrt eröffnen sich dadurch Möglichkeiten: Ein Smartphone-Kalender kann schon lange mehr als eine Papier-Agenda. Das Festhalten an der Ähnlichkeit schränkt die App ein. Nun ist es nicht mehr nötig, Platz und Aufmerksamkeit für Holzränder oder Papierfetzen zu verschwenden.

Natürlich kann ein Produkt wie iOS trotzdem keine allzu übermütigen Sprünge wagen. Dass Kalender- oder E-Mail-Apps noch sehr ähnlich aussehen, belegt die Wichtigkeit von vertrauten Symbolen. Nach einem Update auf Windows 8 schalten viele als erstes die Kacheln ab und kramen den alten Schreibtisch hervor – das muss Apple eine Warnung sein.

Am 18. September macht iOS 7 den grossen Schritt vom Leder ins Licht. Wenn sich die Designer in Cupertino nicht verschätzt haben, müssten wir bereit dazu sein.

Sind flache Farben okay?

  • Sind flache Farben okay?

    Jony Ive hat Pilzli gegessen. Jetzt sieht er Farben und klopft alles flach. Ist das in Ordnung?

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  • Ich bin ein Regenbogeneinhorn. Ich mag Farben.

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  • Ich bin anders. Ich mag Androide.

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