Todesdrohungen und andere Tweets

Egal ob Künstler, Politaktivistin oder Medienschaffender: Wer sich heute in der Öffentlichkeit exponiert, muss dank Kommunikationsplattformen wie Twitter nicht lange auf üble Kommentare und Drohungen warten. Doch wer soll darüber entscheiden, wo die Meinungsfreiheit bei solchen Kommentaren aufhört?

Das Twitter-Vögelchen stösst einen üblen Fluch aus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Beschimpfung per Knopfdruck: Im Gegensatz zum Leserbrief von früher prasseln Twitter-Kommentare ungefiltert auf den Empfänger ein. Fotomontage: Reuters/SRF

«Ich hoffe, du wirst vergewaltigt und stirbst bald danach, Schlampe» – nur einer von vielen Tweets mit Todes- und Vergewaltigungsdrohungen, welche die britische Journalistin und Feministin Caroline Criado-Perez in den letzten Tagen erhielt. Der Grund für die Drohungen: Criado-Perez hatte sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass künftig ein Portrait der Schriftstellerin Jane Austen die englische 10-Pfund-Note ziert.

«  i'm going to pistol whip you over and over until you lose consciousness while your children (?) watch and then burn ur flesh. »

Twitter-User «CarolineIsDead»
an Caroline Criado-Perez

Der misogyne Inhalt der Drohungen ist typisch für Internet-Pöbeleien gegen Frauen. Attackiert werden aber nicht nur Frauen, wie das Beispiel von David Vonderhaar zeigt: Der Chef-Designer des Kriegsspiels «Call of Duty: Black Ops 2» hatte es jüngst gewagt, die Eigenschaften einer Waffe so anzupassen, dass das imaginäre Gewehr nun eine Zehntelsekunde langsamer schiesst und zwei Zehntelsekunden langsamer nachlädt. Die Reaktionen erboster Gamer sammelt Vonderhaar in einem Blog – sie bestehen grösstenteils aus Todesdrohungen gegen ihn und seine Familie.

Trolle haben es einfach

Während Vonderhaar recht gelassen reagiert, wirft ein anderer gleich alles hin: Phil Fish – verantwortlich für den Indie-Game-Hit «Fez» und selber bei Twitter kein Kind von Traurigkeit – liess diese Woche verlauten, er habe die Pöbeleien satt und werde sich nicht nur von Twitter zurückziehen, sondern gleich ganz auf die Entwicklung weiterer Spiele verzichten.

Gruppenbild mit drei Freuen und einem Mann, der eine überdimensionierte Jane-Austen-10-Pfund-Note präsentiert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bedroht wegen einer Banknote: Caroline Criado-Perez (ganz rechts). Reuters

Das Phänomen des Trolls, dessen Kommunikation bloss auf Provokation ausgerichtet ist, existiert seit den Urzeiten des Internets. Dank sozialen Medien wie eben Twitter haben es die Trolle heute aber leichter denn je, ihre niederen Instinkte auszuleben. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob ihre Opfer die Angriffe in gewisser Weise auch selbst provoziert haben. Ins Visier der Trolle kann jeder und jede geraten, die sich in der Öffentlichkeit durch politische, kulturelle oder journalistische Arbeit exponiert.

Die übelsten Leserbriefe erschienen gar nicht erst

Die Motive der Angreifer reichen dabei vom Bedürfnis, Frust abzulassen, bis zur hämischen Freude zu sehen, wie andere fertig gemacht werden. Dass Kommentare anonym verfasst werden können und in der Regel sofort sichtbar sind, fördert zudem die Mob-Mentalität und den Wunsch der Trolle, sich gegenseitig mit ihren Beschimpfungen zu überbieten.

«  you understand that ur kids or whatever it is you have to live for are as good as dead? »

Twitter-User «Bubbyyyy»
an David Vondehaar

Darin unterscheidet sich die Kommunikation im Internet massgeblich von früheren Möglichkeiten, seine Meinung in der Öffentlichkeit kund zu tun: Wer einen Leserbrief an eine Zeitung schickte, konnte nicht damit rechnen, dass er auch abgedruckt wurde. Redaktionelle Kontrolle verhinderte, dass besonders üble Kommentare veröffentlicht wurden.

Missbrauch einfacher melden

Als Reaktion auf die Angriffe gegen Caroline Criado-Perez hat Twitter nun versprochen, Missbrauchsmeldungen künftig einfacher zu machen. Dennoch herrscht das Gefühl, das Unternehmen reagiere nur zögerlich auf solche Missstände. Aus Sicht von Twitter ist das verständlich, nicht zuletzt weil die Möglichkeit, Missbräuche zu melden, selbst missbraucht werden kann. Autoritäre Regierungen könnten solche Meldungen beispielsweise dazu nutzen, Kritiker mundtot zu machen.

Probleme bestehen auch auf technischer Seite: Es ist kaum möglich, Beschimpfungen automatisch auszufiltern oder anzuzeigen. Ein Algorithmus kann kaum zwischen einer sarkastisch hingeworfenen Äusserung und einer ernst gemeinten Drohung unterschieden.

Damit nicht eine grosse Zahl von harmlosen Meldungen irrtümlich gesperrt oder eine grosse Zahl von tatsächlichen Missbräuchen dennoch veröffentlicht wird, müssen Menschen diese Aufgabe übernehmen – und das ist mit einigem Aufwand verbunden.

Wer entscheidet über die Meinungsfreiheit?

Und es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob überhaupt ein Unternehmen wie Twitter (oder eine andere Kommunikationsplattform) darüber entscheiden soll, was im Netz gesagt werden darf. Das Urteil, welche Rede durch die Meinungsfreiheit geschützt ist und welche nicht, gehört zu den Aufgaben des Staates. Und auch Twitter selbst hat wohl wenig Interesse daran, diese Aufgabe zu übernehmen.