Videotelefonie? Mit dem Handy nie!

Die Videotelefonie-Idee ist alt. Bereits in den 30er Jahren gab es Geräte, die telefonieren zu mehr machen wollten als reine Sprachübertragung. Bis heute ohne Erfolg. Hier gibt es drei Gründe, weshalb Videotelefonie per Handy nicht funktioniert. Und eine Strassen-Umfrage zum Thema.

Die Idee des Bildtelefons ist fast so alt wie das Telefon. Durchsetzen konnte sie sich bis heute nicht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Idee des Bildtelefons ist fast so alt wie das Telefon. Durchsetzen konnte sie sich bis heute nicht. Collage rew

Beim Telefonieren nicht nur die Stimme des Gegenübers zu hören, sondern sie oder ihn auch zu sehen ist ein alter Traum – fast so alt wie das Telefon selbst. Und die Technik funktioniert längst nicht mehr nur in Science-Fiction-Filmen: Zu Hause am PC lässt sich leicht per Skype, Facebook oder Google + beim Plaudern zusehen.

Doch das bewegte Bild des Gesprächspartners scheint kein Bedürfnis zu sein, jedenfalls nicht auf dem Handy. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Versuche der Industrie, in jedem Jahrzehnt die Kunden von neuem von der Videotelefonie (früher Bildtelefonie) zu überzeugen gnadenlos floppen – etwa um in den Anfängen des 3G-Handynetzes mit Datenverkehr Geld zu verdienen. Die Anbieter waren immer euphorisch - die Kunden interessierten sich keinen Deut um das bewegte Videobild.

Hören statt sehen

Rein technisch liesse sich Videotelefonie heute bei den meisten Smartphones nutzen – doch kaum jemand tut das. Eine Statistik des Pew Research Centers etwa zeigt, dass nur 7 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner überhaupt schon einmal einen Online-Videoanruf per Handy gemacht haben.

Drei Gründe, weshalb Videotelefonie per Handy so unpopulär ist:

 1. Fehlende Standards

Im Gegensatz zu einem normalen Telefon verlangt ein Videotelefonat ein gewisses Mass an Planung – schliesslich fehlt ein gemeinsamer Videotelefonie-Standard für Smartphones. Darum gilt es erst abzuklären, mit welcher App der andere benutz (Skype? Oder Apples Facetime?), ob er für seinen Anruf eine Wireless-Verbindung braucht und ob er automatisch sieht, dass er angerufen wird, oder erst die entsprechende App öffnen muss, um eingehende Anrufe zu sehen.

Es gibt also viel zu koordinieren – am besten mit einem kurzen Telefonanruf, der den nachfolgenden Videoanruf gleich überflüssig macht.

 2. Die Datenmenge

Videotelefonie ist datenintensiv: Ein Anruf mit Apples Facetime übers 3G-Netz verbraucht gut 3 Megabyte pro Minute. Leuten mit einem Flatrate-Datenabo fürs Smartphone mag das egal sein, andere werden nervös aufs Display, sich kurz fassen und hoffen, dass es der Gesprächspartner auch tut – oder (siehe oben) lieber gleich einen gewöhnlichen Telefonanruf machen.

3. Die Bequemlichkeit (ausserdem: ästhetische Bedenken)

Die wohl wichtigste Kategorie: Während man ein normales Telefongespräch auch nackt oder in ausgeleierten Unterhosen tätigen kann, heisst es beim Videogespräch, sich einigermassen zivilisiert zu präsentieren. Und der Mehrwert, den man für diesen Verzicht auf Bequemlichkeit bekommt, sind ein paar ruckelige Bilder; mit dem Ton nicht ganz synchrone Lippenbewegungen und einen Gesprächspartner, der steif in seine Handy-Kamera blickt statt einem in die Augen.

Und selbst wenn diese Mängel einmal korrigiert sind (z.B. direkter Augenkontakt möglich wird), bleibt ein noch grösseres Problem bestehen: Gewöhnliches Telefonieren ist wohl eine der typischsten Multitasking-Beschäftigungen – kurz mit der Mutter telefonieren, während man seine Socken bügelt. Bei der Videotelefonie wird das nie möglich sein, weil der Gesprächspartner sofort merkt, wenn man ihm nicht mehr die volle Aufmerksamkeit schenkt.

Selbst ein Gespräch im Laufen – beim Handy wohl eine der häufigsten Formen des Telefonierens – wird kaum mehr möglich, kommen die Bilder ins Spiel. Wer nicht mit anderen Passanten zusammenstossen will, muss sich entweder ruhig in eine Ecke stellen oder auf eine Parkbank setzen – und sieht dort für seine Mitmenschen selten dämlich aus, während er sich sein Handy vors Gesicht hält und laut mit dem unsichtbaren Dritten am anderen Ende der Leitung spricht.

Videotelefonie: Seit Jahrzehnten propagiert, seit Jahrzehnten ein Flop

SRF-Digital-Redaktor Reto Widmer macht eine Strassen-Umfrage in Oerlikon: Haben Sie schon einmal mit Ihrem Handy Videotelefonie gemacht? Nein? Warum nicht?

Added Bonus: Gedanken zu Videotelefonie und weiterer moderner Technik