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Musik-Blog Ein «Hallelujah» auf Leonard Cohen

Der kanadische Musiker, Dichter und Schriftsteller Leonard Cohen ist tot. Er starb im Alter von 82 Jahren. Cohen war eine der mystischsten Erscheinungen der Popgeschichte und prägte mit seinem Werk Generationen.

Leonard Cohen (1934 - 2016)
Legende: Leonard Cohen (1934 - 2016) vulture.com

Stirbt ein Leonard Cohen, geht es mir nicht darum, wann er sein womöglich bestes Album gemacht hat. Es geht mir nicht darum, welches sein wahrscheinlich bester Song ist. Es geht mir nicht einmal darum, zu fragen, wie er es bloss geschafft hat, immer besser zu werden – und dabei immer unerreicht gut zu sein.

Stirbt ein Leonard Cohen, geht es mir einzig und allein darum Danke zu sagen. Meine sieben Hallelujahs auf Leonard Cohen:

1. Hallelujah auf Deine Songs

Eigentlich wolltest Du ja gar nie Songs schreiben, lieber Leonard Cohen. Doch Deine Worte brauchten die Musik. Danke, dass Du dich darauf eingelassen hast. Ohne diese Musik wären Deine Geschichten wohl kein so grosser Teil meines Lebens geworden.

2. Hallelujah auf Deinen Bankrott

Danke, dass Du pleite gegangen bist, lieber Leonard Cohen. Natürlich ist es ganz übel, wie Dich Deine frühere Managerin ausgenommen hat. Umso glücklicher hast Du all jene Leute gemacht, die Dich dadurch doch noch, oder doch noch einmal, auf der der Bühne erleben durften. Ganz zu schweigen natürlich von den brillanten Spätwerken «Old Ideas», «Popular Problems» und «You Want It Darker», die ohne Deinen finanziellen Engpass wahrscheinlich gar nie entstanden wären.

3. Hallelujah auf Deinen Humor

Selbstironie ist eine wunderbare Gabe, lieber Leonard Cohen. Du hattest viel davon, und es kam immer mehr dazu. Wie du 2012 Dein Album «Old Ideas» eröffnet hast, ist unbezahlbar: «I love to speak with Leonard / He’s a sportsman and a shepherd / He’s a lazy bastard / Living in a suit».

Oder diese Ansage zum Song «Chelsea Hotel #2» aus früheren Tagen, welche perfekt aufzeigt, wofür ich danke sagen will.

4. Hallelujah auf Deinen billigen Casio-Synthesizer

Eigentlich hat es etwas ganz Schreckliches, wie Du einige Deiner ganz grossen Melodiebögen durch quäkende Synthi-Sounds illustriert hast, lieber Leonard Cohen. Seit «Various Positions» (1984) hast Du mit diesen billigen Sounds immer wieder geflirtet. Ich bin Dir dankbar für das Lächeln, das du mir damit aufs Gesicht zauberst, und die damit verbundene Erkenntnis, dass nicht alles, was nach Begleitautomatik tönt, seelenlos sein muss.

5. Hallelujah auf Deinen Anstand

Gentleman sein war Dir stets wichtig, lieber Leonard Cohen. Du warst ein grosser Gentleman. Allein wie du vor deinen Mitmusikern den Hut gezogen hast, während sie ihre Soloparts spielten, spricht Bände.

6. Hallelujah auf Deine hohen Ansprüche

Wieviele Strophen hast Du ursprünglich für den Song «Hallelujah» geschrieben, lieber Leonard Cohen? 80 Strophen? Zwei Notizbücher vollgekritzelt? Dann hast du diese 80 auf sechs Strophen gekürzt. Mehr als zwei Jahre hast Du an «Hallelujah» gearbeitet. Und dann? Dann kam die Plattenfirma und wollte den Song nicht veröffentlichen. Sie fanden ihn nicht gut genug. «Hallelujah»? Nicht gut genug?

Danke, dass Du nicht für Plattenfirmen Musik gemacht hast.

7. Hallelujah auf Deine Gelassenheit

«Ich beende gerne Dinge, die ich angefangen habe. Falls ich es nicht schaffe, ist das auch Ok» hast du kürzlich in einem Interview gesagt, lieber Leonard Cohen. Danke, dass du Dein letztes Album «You Want It Darker» nicht um jeden Preis beenden wolltest. Es wäre nicht so gut geworden, wie es ist.

Hallelujah! Und: Gute Reise, lieber Leonard Cohen.

Autor: Gregi Sigrist

Autor: Gregi Sigrist

Gregi Sigrist ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

TV und Radio

  • Aus aktuellem Anlass zeigen wir am Freitag, 11.11.2016 um 20.50 Uhr auf SRF info den Dokumentarfilm «Leonard Cohen - I'm Your Man».
  • In der Sendung Sounds! strahlt SRF 3 am selben Abend von 22 bis 24 Uhr exklusiv ein zweistündiges Konzert von Leonard Cohen aus, welches er 1993 im Kongresshaus in Zürich gab.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Ben Fisch (Blackbird)
    Eine wunderbare Hommage an einen ganz besonderen Musiker. Allerdings nicht wirklich vollständig. Das Leben von Leonard Cohen zu würdigen ohne auch nur mit einem Wort seine jüdisch israelischen Wurzeln und Zusammenhänge zu erwähnen ist wie Musik zu schreiben ohne Noten: Irgendwie taktlos... Nichtsdestotrotz: Vielen Dank lieber Leonard, deine Musik und deine Melodien haben unsere Herzen auf eine ganz besonders sanfte Weise berührt!
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    1. Antwort von Gregi Sigrist
      Lieber Ben Fischer. Danke! Und: Es gäbe noch viele Aspekte, die man erwähnen könnte. Natürlich sind Cohens Wurzeln und seine Spiritualität ganz wichtige Faktoren, um diesen Künstler zu erfassen. Ich verzichte aber bei diesem Text sehr bewusst auf viele biographische Daten - da es sich um eine Hommage (wie du schreibst) und nicht um einen Nachruf handelt. lg. Gregi Sigrist
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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Ob es stimmt dass sich eine Tür öffnet wenn sich eine andere schliess, zu hoffen wäre es. https://youtu.be/oI7tuRn3RC0
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  • Kommentar von Robin Tschudin (Robin101)
    Dear Leonard / heard your voice first as a baby / henceforth been touched many times more / Rough and deep and graceful your words / will sooth me in times still long to come. A great one has gone from us. Humbly thank you for your doings, you went as a loved one by many
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