Eine Frischzellenkur namens Axl Rose

Gross war der Aufschrei, als AC/DC ihren Sänger Brian Johnson mit Guns N' Roses-Frontmann Axl Rose ersetzten. Das konnte doch gar nicht gut gehen, oder? Offenbar aber übertrifft Axl Rose sämtliche Erwartungen.

AC/DC mit Axl Rose: «Rock Or Bust» live in Lissabon

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Autor: Dominique Marcel Iten

Autor: Dominique Marcel Iten

Dominique Marcel Iten ist Online-Redaktor bei Radio SRF 3. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

Twitter: @dominique_iten

Ich will mit einem kurzen Experiment beginnen. Stellen wir uns vor, Axl Rose wäre nicht der Axl Rose. Nicht der Frontmann von Guns N' Roses. Der Mann mit mehr als ausgeprägtem Ego und schwieriger Persönlichkeit. Nicht der Mann hinter dem Hair-Metal, den er Ende der 80er auf die ganz grossen Bühnen hob. Und damit gegen alles steht, was AC/DC mit ihrem Working-Class-Image eigentlich repräsentieren.

Stellen wir uns vor, dieser Axl Rose wäre ein Nobody. Ein Niemand – gefunden von AC/DC-Chef Angus Young persönlich. Hätten wir uns alle so aufgeregt? Hätten tausende von Fans ihre Tickets umgetauscht, noch bevor sie Axl Rose auch nur einen Ton hätten singen hören?

Wohl kaum.

Fans sind sich (mehrheitlich) einig

Denn für einmal sind sich sogar die Kommentatoren auf YouTube einig (und meine Güte, das heisst bei dem gehässigen Pack wahrlich etwas!). Da sticht mir eine überraschende Mehrheit an positiven Kommentaren wie beispielsweise «Holy fuck, Axl sounds amazing!» ins Auge. Zugegeben – dass Axl singen kann, das war hinlänglich bekannt.

Aber egal ob AC/DC-Fan oder nicht, niemand hätte erwartet, dass der gute Herr Rose tatsächlich noch die Spucke hat, ein zweistündiges AC/DC-Konzert durchzuziehen – und dabei nicht gnadenlos im Schatten der grossen beiden Bs (Bon Scott und Brian Johnson) unterzugehen.

Denn gerade AC/DC-Fans sind überkritisch, wenn es um Veränderungen in ihrem Heldenkonstrukt geht. Und die Gefahr, dass AC/DC nur noch wie eine schlechte Coverband ihrer selbst klingen, war ebenfalls sehr gross.

Axl Rose (rechts) mit AC/DC-Gitarrist Angus Young. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Einstand im Sitzen: Gipsbein Axl Rose (rechts) mit AC/DC-Gitarrist Angus Young. Keystone

Axl schafft mehr Songs

Ich hätte nie gedacht, dass ich Axl Rose in Zusammenhang mit einer musikalischen Frischzellenkur setzen würde, aber genau dies tue ich jetzt. Denn bei AC/DC scheint Axl diesen Effekt zu haben. Nicht nur, weil er schlicht altersbedingt eine Tonvarianz erreicht, welche für Brian Johnson mittlerweile nicht mehr möglich ist.

Nein, sondern weil mit Axl gar Songs live gespielt werden, welche unter seinem Vorgänger nie Teil der doch arg statischen Setliste waren (so zum Beispiel «Rock’n’Roll Damnation» oder der «Powerage»-Hit «Riff Raff».) Den Coverband-Status können sie dabei nicht ganz wegradieren – er fällt aber um einiges weniger gravierend aus als befürchtet.

Natürlich hätte ich gerne einen Marc Storace (Krokus) bei AC/DC gesehen. Altersmässig und stimmlich wäre das der perfekte Fit gewesen. Für Schweizer AC/DC-Fans lohnt es sich aber dennoch, der (aus meiner Sicht nach wie vor unheiligen) Allianz AC/DC/Rose eine Chance zu geben - und sich auf ein vielleicht sogar erfrischend überraschendes Erlebnis in der heiligen Rock-Messe eines AC/DC-Konzerts einzulassen.

Ganz ehrlich: Auch den letzten Satz hätte ich nie erwartet, jemals zu schreiben.