FUCK HATE oder FUCK LOVE?

Der Festivalsommer 2017 nimmt Fahrt auf. Natürlich stellen wir uns auf ein grosses musikalisches Sommerfest ein. Ich denke aber, dass wir uns auch auf eine äusserst politische Open-Air-Saison einstellen müssen. Das Musikfestival als Insel der totalen Unbekümmertheit scheint obsolet.

Tom Morello am Rock im Park-Festival 2017 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tom Morello am Rock im Park-Festival 2017: Der Prophets Of Rage-Gitarrist macht seinem Ärger Luft. Keystone

Zusatzinhalt überspringen

Autor: Gregi Sigrist

Autor: Gregi Sigrist

Gregi Sigrist ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

Unsere Welt steht an einem heiklen Punkt. Das tut sie natürlich schon länger. Doch spätestens nach Paris, November 2015 und Bataclan, und seit dem Terroranschlag in Manchester nach einem Auftritt von Ariana Grande, beschäftigt sich auch die Pop-Welt mit einer neuen, durch und durch unwillkommenen Realität.

One Love

Die Reaktion auf die Ohnmacht im Fall von Manchester, war das Benefizkonzert One Love Manchester. Zweifelsohne eine gute, richtige und wichtige Reaktion. Dass die Feigheit des Terrors eine neue Qualität erreicht hat, konnte dieses Konzert aber selbstverständlich auch nicht aus der Welt schaffen.

FUCK BÖSE WELT

«Ich möchte nicht in einer Welt leben, in welcher irgendwelche Idioten sich für irgendeine Scheiss-Religion in die Luft sprengen» brüllte Donots-Sänger Ingo Knollmann vor ein paar Tagen von der Bühne des Festivals Rock im Park in Nürnberg.

Ebenso populär ist das Feindbild von Tom Morello. Der Prophets Of Rage-Gitarrist klebte sich ein Stück Papier mit der Aufschrift «FUCK TRUMP» auf die Rückseite seiner Gitarre und präsentierte es, ebenfalls beim Rock im Park-Festival, effektvoll.

Und jetzt?

Jetzt muss wohl jeder für sich entscheiden, wie er oder sie mit der Situation umgeht. Ich hoffe nicht, dass sich Bands zu politischen Statements genötigt fühlen. Ich habe gewisse Befürchtungen, dass es KünstlerInnen gibt, die sich in diesen Tagen überlegen, ob Ansagen in diese Richtung gerade angesagt sind. Es könnte eine Aufschrei-Nachschrei-Kultur entstehen.

Wenn es so wäre, könnte es dermassen inflationär werden, dass die Wirkung verpuffen könnte. Natürlich ist es einfach seinen Feindbildern den Mittelfinger zu zeigen und sie lauthals zu verfluchen. Solche Ventile zu öffnen kann kurzfristig auch gut tun. Völlig klar. Doch: Nicht alles was gut tut – tut Gutes.

Ich hoffe schwer, dass unser aller Festival-Sommer ein Sommer-Fest wird. Eine Zeit mit viel guter Energie. Denn die Welt lässt sich ganz sicher (auch verbal) nicht gutprügeln.