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Musik-Blog Wird der NME zum Klopapier?

Das ist frische Druckerschwärze auf die Todesanzeige des Musikjournalismus: Die legendäre britische Musikzeitschrift New Musical Express (NME) erscheint ab September als Gratisheft. Wer das schönreden will, braucht Worte, die mir schlicht und einfach fehlen.

Rolle mit Klopapier, auf dem NME steht
Legende: Der NME als Gratisblatt: für den Arsch? SRF/Stephan Lütolf

Internet Killed The Music Magazine

Die Musikmagazine kämpfen schon länger um ihre Leserschaft. Mit gebührenpflichtigen Web-Inhalten können die fehlenden Einnahmen nicht im Ansatz wettgemacht werden, und so sind verzweifelte Aktionen und Reaktionen der Musikpresse durchaus nachvollziehbar. Die wöchentliche Auflage des britischen Traditionshefts New Musical Express schrumpfte von einst 300‘000 Exemplaren auf gerade noch deren 14‘000. Um wieder eine grössere Leserschaft zu erreichen, erscheint die Musikzeitschrift ab September als Gratisheft mit erweiterten Inhalten: TV, Film, Mode, Games, Technologie und Politik sollen künftig im NME ebenso stattfinden, wie das vermeintliche Kernthema Musik.

Der NME wird nicht sterben. Er ist schon tot

Hanspeter «Düsi» Künzler, unser Mann in London, kümmert die Mutation des NME zur Gratiszeitschrift wenig. «Der NME ist für mich schon seit 15 Jahren tot», sagt er zynisch. Ganz so hart gehe ich nicht ins Gericht mit dem Traditionsheft. Die Entwicklung aber gefällt mir gar nicht. Ich sehe den Gratis-NME bereits vor mir. Vollgepackt mit Parfümwerbung und Artikeln, die nach allem ausser nach unabhängigem Journalismus riechen.

«Der NME hat seit 20 Jahren den Ruf, komplett in der Tasche der Musikindustrie zu sein» gibt Hanspeter «Düsi» Künzler zu Protokoll und unterstreicht, dass ihn die Mutation des NME zum Gratisblatt relativ kalt lässt.

Das alte Lied über die Gratis-Kultur

Ich mag es schon gar nicht mehr anstimmen – das alte Lied über die Gratiskultur. Ich summe es nur noch vor mich hin und bin erstaunt, wie klein die Bereitschaft ist, für Berichterstattung (in welcher Form auch immer) Geld auszugeben. Die erfolgreichsten Zeitungen sind schon lange die Gratispublikationen, und weil sie nichts kosten, stellt ganz offensichtlich auch kaum wer Qualitätsansprüche.

Vielleicht wird beim NME aber alles anders. Vielleicht entdecken wir in Zukunft bereits auf der Frontseite noch unbekannte Bands. Vielleicht finden wir im Gratis-NME gut recherchierte Artikel, die in die Tiefe gehen und… I DON’T THINK SO!

Autor: Gregi Sigrist

Autor: Gregi Sigrist

Gregi Sigrist ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Manfred Pristas, Herisau
    Das was in der Kultur seit mehr als zehn Jahren passiert hat direkte Implikationen auf andere (vor allem kulturnahe) Medien.Mich wundert nur wie es die Filmindustrie geschafft hat noch so lange zu überleben. Aber bei dem Schund der wöchentlich in die Bioskope kommt wundert mich das wiederum nicht. Gebt dem Pöbel Brot und Spiele.
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  • Kommentar von Manfred Pristas, Herisau
    Die Bereitschaft für gut und seriös recherchierte Berichterstattung Geld auszugeben ist genauso wenig vorhanden wie die Bereitschaft für Musik oder Kultur im Generellen zu bezahlen. Ein tiefgreifender Wertewandel vollzieht sich in unserer wohlstandsverwöhnten Gesellschaft (wobei ich finde, dass der Begriff Gesellschaft mittlerweile den Zustand unseres Zusammenlebens nicht mehr richtig definiert) und es erstaunt mich persönlich nicht.
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  • Kommentar von Kilian Mutter, Zürich
    Ein deutliches Anzeichen für die fehlende Relevanz des heutigen NME ist auch die Website und der Facebookkanal des Magazins, auf denen sich tagtäglich mehr Zitate von Noel Gallagher und dazugehörige Posts finden, als tatsächliche Informationen aus der Musikwelt. Genau so hinkt ein Grossteil der Leserschaft dem aktuellen Musikgeschehen nach, schimpft lieber gegen Kanye West und neue Rockstars, und jammert, wie früher eh alles besser gewesen sei.
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    1. Antwort von Gregi Sigrist, Bern
      Hey Kilian. Exakt. Hin und wieder frag ich mich zwar (in Bezug auf die Popmusik) tatsächlich auch, ob früher alles besser war. Schau ich mir die NME-Covers an, weiss ich aber, dass für sie nur die Vergangenheit existiert. Da kennt wirklich JEDER und JEDE wirklich JEDE Band. lg. Gregi
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    2. Antwort von Kilian Mutter, Zürich
      Früher war nicht alles besser. Früher war bloss vieles anders. Genau so wie es damals vieles gab, das maximal mittelmässig war und im Strom der jeweiligen Mode & Zeit mitschwamm, gibt es heute viel schlechte Musik. Und dies in jedem einzelnen Genre.
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