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Es scheint, als wäre sogar der Ententanz abgesagt.
Legende: Es scheint, als wäre sogar der Ententanz abgesagt. Keystone
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Pop Ping Pong Was fehlt einer Gesellschaft ohne Pop-Konzerte?

Seit Wochen finden in der Schweiz keine Pop-Konzerte mehr statt. Der Festivalsommer 2020 ist abgesagt. Was macht das mit uns und unserer Konzertkultur? Die Musikredaktoren Gregi Sigrist und Claudio Landolt liefern sich im Pop Ping Pong einen Gedankenaustausch.

Landolt: Was fehlt einer Gesellschaft ohne Pop-Konzerte?

Sigrist: Ganz sicher das kollektive Erlebnis. Ich sehe die seelische Not der unbefriedigten Bedürfnisse zurzeit jedoch näher an der Bar als vor der Bühne. Sich unbeschwert mit Leuten treffen und austauschen können, ist essenziell. Konzerte sind Inseln. Für die einen Ferien vom Alltag, für andere Inspirationsquellen und Tankstellen für die Seele. Wir hatten in der Schweiz eine üppig gestaltete Konzertlandschaft, die wir als selbstverständlich empfanden. Wie Luft, die wir zum Atmen brauchen. Wie wichtig sie ist, merken wir erst, wenn sie nicht mehr da ist. An diesem Punkt stehen wir nun.

Sigrist: Wird sich deiner Meinung nach die Wertschätzung von Pop-Konzerten durch die Corona-Krise nachhaltig verändern?

Landolt: Kurzfristig wird die Wertschätzung wohl explodieren. Wenn man dann wieder darf, dann wird man auch wollen – und die Sozialen Medien werden randvoll sein mit Fotos von Konzertbesuchern im Exzess. Vielleicht bleibt es aber auch bei einer übermässig gesteigerten Vorfreude: Bis man nebst Ticket noch einen aktuellen Gesundheitstest und den Contact-Tracing-Rapport vorweisen muss, um ins Konzertlokal zu kommen. Um bei deinem Bild der Konzerte als Inseln zu bleiben: Die langfristige Wertschätzung hängt auch stark davon ab, zu welchem Preis man diese Inseln anfliegen kann und welche Inseln es überhaupt noch geben wird. Ich persönlich hoffe, dass ich bald wieder magische Konzerte erleben darf.

Landolt: Wie denkst du, wird sich das Verhalten des Publikums an Pop-Konzerten verändern?

Sigrist: Abgesehen davon, dass sich am Anfang wohl kaum jemand in die erste Reihe stellen will, um sich von den SängerInnen anspucken zu lassen, wird bei schlecht besuchten Konzerten der Spruch «Chömet echli nöcher» natürlich obsolet. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man sich während laufenden Konzerten weniger ins Gesicht schreit (und spuckt) – sprich: dass man den Smalltalk eher auf später verschiebt. Dies könnte dazu führen, dass Konzerte in der Anfangsphase mehr Aufmerksamkeit kriegen. Längerfristig glaube ich aber nicht, dass sich das Verhalten grundsätzlich ändern wird. Sobald das Konzertangebot steigt, sinkt die Exklusivität von Live-Konzerten. Wir dürfen nicht vergessen, dass unser Umgang mit Covid-19 ein entspannterer sein wird, wenn die Konzertlokale wieder öffnen.

Sigrist: Hoffst du, dass die Schweizer Konzertlandschaft wieder genauso wird, wie sie war?

Ich wünsche mir, dass unsere Konzertlandschaft mindestens wieder dieselbe Diversität an Genres abdecken wird. Ich hoffe, dass auch die kleinen bis mittelgrossen Clubs genug Schnauf und Reserven haben, um die Krise zu überstehen. Die Situation in der wir stecken, setzt Kreativität frei und bricht im besten Fall mit Routinen. Sei dies in Form von radikalen und experimentierfreudigen Konzepten in der Bespielung virtueller Auftrittsräume oder in der Fokussierung auf das Wesentliche an Live-Konzerten. Auf dass in unserer Konzertlandschaft vermehrt und bewusster in die Musik investiert wird als in den Sankt Galler Bacardi-Dome oder die Gampelsche «Tütschibahn». Das Openair St. Gallen war da schon auf dem besten Weg dazu, Link öffnet in einem neuen Fenster mehr auf Musik statt Party zu setzen, wenn dann die blöde Krise nicht gekommen wäre.

Und ihr so? Wie schätzt ihr die Zukunft der Schweizer Konzertlandschaft ein?

Claudio Landolt & Gregi Sigrist

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Claudio Landolt & Gregi Sigrist

Hier spielen sich die Musikredaktoren Claudio Landolt & Gregi Sigrist Fragen zu. Wir nennen es Pop Ping Pong. Das Feld ist die Popmusik. Aufschlag!

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Schaffner  (Housi)
    Es fehlt absolut nichts. Wir haben schon viel zu viel Lärm und Lichtverschmutzung auf der Erde.
    Musik kann jeder bei sich zu Hause selber hören.
    Dazu braucht man nicht ganze Landstriche zuzumüllen. Es geht ja sowieso nur um Kommerz!!
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    1. Antwort von Gregi Sigrist (SRF)
      Lieber Hans. Live-Musik muss nicht zwingend all die Negativ-Effekte mitbringen, die du erwähnst. Und: Musik zuhause hören ist natürlich gut. Aber das ist keine Alternative zu einem Live-Konzert. Für mich funktionieren Live-Konzerte auch nur richtig, wenn es Menschen VOR ORT hat. Nur dann kann das entstehen, was einen gute Live-Moment ausmacht. lg Gregi
  • Kommentar von Michaela Kruschwitz  (Storch3)
    Was ihr fehlt? Nichts. Bis auf Berge von Abfall in Gleisbetten und stinkenden Alkoholleichen über die man am Morgen danach auf dem Weg zum Dienst steigen muss.
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    1. Antwort von Claudio Landolt (SRF)
      @Michaela Kruschwitz. Liebe Michaela. Danke für deinen kritischen Kommentar. Klar, Abfall und Alkleichen mag niemand. Und doch würde ich dir widersprechen, wenn du behauptest, dass uns ohne Konzerte nichts fehlt. Schade, dass du nur diesen negativen Teil davon mitkriegst. Gruss - Claudio
  • Kommentar von Marc Aeschlimann  (Marc Aeschlimann)
    Bislang gehts immer um die Besucher. Ich erhoffe mir von dieser Krise aber auch von den Bands nen gewissen Schub um wieder mehr zu spüren, dass man dankbar ist, dass man spielen darf.
    Zu viele Bands, die in den letzten Jahren Touren dutzende Konzerte mit den imnergleichen Setlists die immergleichen Versionen runterbretterten.
    Klar, es sind nicht alle 218-Song-Repertoire-Springsteen, 573-Geschichten-Huber oder 31-Versionen-MyKungFu, aber Konzerte sollten wieder weniger Fliessbandgroove haben.
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    1. Antwort von Claudio Landolt (SRF)
      @Marc Aeschlimann Lieber Marc. Schön, dich hier zu treffen. Danke für deinen Kommentar und die spannende Perspektive. Konzerte mit Fliessbandgroove sind definitiv nicht cool. Ich glaube aber, dass die jetzige Situation im besten Fall die Musiker*innen auch ein Stück weit dazu zwingt, sich neu zu erfinden, respektive wie oben geschrieben, Routinen bricht. Lieber Gruss - Claudio