Grittibänz – ein Hefegebäckmann mit vielen Namen

Tina Löschner von SWR 4 Baden-Württemberg Bodenseeradio lebt in der Schweiz. «Den Begriff Grittibänz habe ich aber noch nicht so richtig im Ohr», meint sie bei einer Plauderei mit Karin Kobler übers Backen. Aber von Bekannten aus Konstanz oder Singen kenne sie Klausenmann oder Elggermaa.

Obwohl nur vier Länder an den Bodensee grenzen, gibt es in dieser Region weit mehr Dialekte. SRF Musikwelle-Redaktorin Karin Kobler ist fasziniert von der sprachlichen Vielfalt rund um den Bodensee. Während der «4 in einem Boot»-Woche erkundet sie unter anderem die verschiedenen Bezeichnungen für Weggli, Berliner, Znüni oder Grittibänz.

Wortvarianten für Grittibänz

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Bildlegende: Die verschiedenen Bezeichnungen für Grittibänz im deutschsprachigen Raum. atlas-alltagssprache.de

Im «Atlas zur deutschen Alltagssprache» ist ersichtlich, in welchen Gebieten man von Grittibänz, Stutenkerl, Klausenmann oder Weckmann spricht. Seit 2003 beschäftigen sich Prof. Dr. Stephan Elspass und Prof. Dr. Robert Möller mit den traditionellen Dialekten Deutschlands. Mit dem Bodensee als südliche Grenze fliessen bei den Ergebnissen auch Bezeichnungen aus Österreich und der Schweiz ein.

Auszug aus dem «Atlas der deutschen Alltagssprache»: In der Schweiz ist das Gebäck allgemein unter den Namen Grättimann, noch häufiger als Grittibänz bekannt. Diese Namen gehen auf die Wortfamilie des Verbs grätte(n) (auch gritten) ‘mit gespreizten Beinen gehen’ zurück. In deutschen Regionen, in denen man das süsse Gebäck in Form einer menschlichen Gestalt kennt, wird es überwiegend nach einer männlichen Figur benannt. Es enthält meist das Grundwort -mann oder -kerl.

Dialekte entwickeln sich auf kleinem Raum

«Dass sich die Dialekte rund um den Bodensee so stark unterscheiden, hat mit der allgemeinen Sprachentwicklung zu tun», erklärt SRF-Sprachexperte Markus Gasser im Gespräch mit Karin Kobler. Die Dialekte seien in einer Zeit entstanden, in denen der Lebensraum kleiner war. Man bewegte sich in der Dorf- oder Quartiergemeinschaft und hatte wenig Kontakt nach aussen. Der kleine Lebensraum war sozusagen der Boden, auf dem spezifische Dialekt-Kreationen reiften.

Natürlich habe auch ein See eine trennende Funktion, meint Markus Gasser. Aber entscheidender für die starken Dialektunterschiede sei die kulturell-politische Grenze. «Seit dem Schwabenkrieg von 1499 wurden die politischen und kulturellen Unterschiede stärker als die Gemeinsamkeiten». Mit dem stärker werdenden Einfluss des Hochdeutschen auf unsere Sprache sei aber anzunehmen, dass sich die Dialekte im Verlauf der nächsten Jahre wieder annähern.

Znüni, Jause oder Brotzeit?

    • Znüni oder Brotzeit?

      SRF Musikwelle-Redaktorin Karin Kobler lädt ihren Radiokollegen Christoph Scheule vom Bayerischen Rundfunk zum Znüni ein. Er findet das prima, obwohl er als Allgäuer das Wort Znüni überhaupt nicht kennt. Die Zwischenmahlzeit ist aber alleweil gut für eine Plauderei über die Dialekte am Bodensee.

      1:14 min

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      Bildlegende: Die verschiedenen Bezeichnungen für Znüni im deutschsprachigen Raum. atlas-alltagssprache.de

      Dialektvarianten für Znüni

      Auszug aus dem «Atlas zur deutschen Alltagssprache»: Zum Frühstück am Arbeitsplatz steht im «Atlas der deutschen Alltagssprache»: Das Frühstück am Arbeitsplatz wird nördlich des Mains allgemein als Frühstückspause oder zweites Frühstück bezeichnet. Im Süden gibt es dagegen eine klare – in Deutschland auffällig mit den Ländergrenzen übereinstimmende – Verteilung zwischen Vesper (Baden-Württemberg), Brotzeit (Bayern), Jause (Österreich) und Znüni (Schweiz). Wie Znüni – «zu neun» – erklärt sich Neuner in Tirol als Hinweis auf die Uhrzeit.

Berliner oder Krapfen?

    • Berliner oder Krapfen?

      Karin Kobler von SRF Musikwelle will ihre Radiokollegin Vanessa Kobelt von Radio L im Fürstentum Liechtenstein mit einem Znüni überraschen. Ihre Suche nach einem Berliner bleibt leider erfolglos. Dafür gibt es eine feine Apfeltasche und dazu ein Znüni-Gespräch über Berliner, Krapfen oder Gipfeli.

      1:05 min

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      Bildlegende: Die verschiedenen Bezeichnungen für Berliner/Krapfen im deutschsprachigen Raum. atlas-alltagssprache.de

      Dialektvarianten für Krapfen

      Zu Berliner oder Krapfen steht im «Atlas zur deutschen Alltagssprache»: Bei den Bezeichnungen für «ein rundliches Fettgebäck, das mit feinem Zucker bestäubt oder einer Glasur überzogen ist und mit Marmelade gefüllt ist», gibt es offenbar eine recht stabile grossräumige Verteilung der Varianten: In Bayern und Österreich gilt Krapfen, in Österreich, vor allem in Tirol auch Faschingskrapfen. Die Bezeichnung Krapfen lässt sich wohl auf das althochdeutsche Wort krapho zurückführen, das ‘Haken, Kralle’ bedeutete; das Gebäck ist also offenbar nach seiner ursprünglich haken- oder krallenförmigen Gestalt benannt worden. In Hessen ist die Verkleinerungsform Kräppel mit mitteldeutschem pp statt pf üblich.

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Weggli, Semmele oder Brötchen?

    • Weggli oder Semmel?

      Karin Kobler von SRF Musikwelle will in Hard ein Weggli kaufen. Damit hinterlässt sie beim «4 in einem Boot»-Team lauter Fragezeichen. Denn dem weichen Weizenbrot sagen sie Brötla, Wegg oder Semmele. A propos Semmel: Sagt man eigentlich der, die oder das Semmel?

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      Bildlegende: Die verschiedenen Bezeichnungen für Weggli im deutschsprachigen Raum. atlas-alltagssprache.de

      Dialektvarianten für Brötchen

      Zu Brötchen steht im «Atlas zur deutschen Alltagssprache»: Die kleinen länglichen Brote mit einer längs verlaufenden Einkerbung werden in Österreich und Südtirol kaum angeboten. Wenn sie dort aber doch bezeichnet werden, dann entweder als Semme(r)l oder als Weckerl. Semmel wird diese Backware auch in den meisten Gebieten Bayerns sowie zum Teil in Sachsen und Thüringen genannt. In Oberfranken heisst sie auch Laabla, in Franken vereinzelt Brötla oder Kipf. In den östlichen und südöstlichen Kantonen der Schweiz sowie in Vorarlberg ist diese Backware als Brötli, Mütschli oder Weggli bekannt....

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