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Radio SRF Musikwelle 50 Jahre «Hello, Dolly!»

Keine andere verkuppelt Herzen so geschickt wie Dolly Levi. Die quirlige New Yorker Heiratsvermittlerin angelt sich ganz nebenbei auch noch eine lukrative Partie. Beim ganzen Liebes-Wirrwarr bleibt kein Auge trocken und «Hello, Dolly!» wird zum Musical - Evergreen, wenn auch mit «Fehlbesetzung».

Dolly trägt goldenes Kleid und gelben Federhut. Louis im Frack. Die beiden begegnen sich im luxuriösen Speiselokal. Es handelt sich um die Szene, bei der das Titellied «Hello, Dolly!» erklingt.
Legende: Unvergessliche Begegnung auf der Leinwand zwischen Barbra Streisand (Dolly) und Louis Armstrong. zvg

Ihre Stimme klingt krächzend und knarrig, als wäre man versehentlich auf eine Kröte getreten. Nein, Carol Channing ist wahrlich keine begnadete Sängerin. Auch optisch erinnert sie eher an E.T - Der Ausserirdische mit blonder Perrücke, als an eine Dame von Welt.

Carol küsst Eddie auf die Wange. Das Foto wurde Backstage während einer Vorstellung am Broadway aufgenommen. Beide Darsteller tragen ihre Kostüme: Carol Channing einen pompösen Federhut und Eddie Bracken eine Livrée.
Legende: Carol Channing - Die Originalbesetzung der Broadway-Show «Hello, Dolly!» mit Bühnenpartner Eddie Bracken (1977). zvg , Link öffnet in einem neuen Fenster

Aber Carol hat nun einmal Charakter, und wie! Wenn sie als Dolly Levi über die Bühne fegt, reisst sie das Publikum vom Hocker. Es ist die Rolle ihres Lebens, in der Carol Channing über 3000 Mal am Broadway brilliert. International gesehen, schnappt ihr eine Konkurrentin jedoch die Krone weg.

Barbra Streisand wird bevorzugt

Weil die Broadway - Inszenierung erfolgreicher läuft als vorhergehende Musicals wie «My Fair Lady» oder «Fiddler on the Roof» wird auch Hollywood auf «Hello, Dolly!» aufmerksam.

Allerdings entscheidet man sich bei der Filmadaption für Barbra Streisand, die gerade mit «Funny Girl» ihren grossen Durchbruch - sowohl am Broadway als auch im Kino - hatte.Der erfolgreiche Jungstar Streisand erscheint den Filmregisseuren massentauglicher zu sein als die doch etwas schräge Channing.

Beim Stichwort «jung» scheiden sich jedoch die Geister: wie soll eine Sängerin Mitte 20 eine Witwe mit Lebenserfahrung glaubhaft herüberbringen?

Gewiss überzeugt Streisand stimmlich. Wer aber die Broadway-Originalfassung erleben durfte, vermisst gerade das kantige, ungewöhnliche Timbre, mit dem Channing ihrer Dolly Levi Charakter einhauchte. Unter Musical-Kennern wird schnell klar: Barbra Streisand ist eine Fehlbesetzung.

Dem internationalen Erfolg des Films kann die Kritik der Insider jedoch nichts anhaben. Wenn Streisand mit pompösem Federhut und goldenem Glitzerkleid die Treppe des «Harmonia Gardens Restaurant» herabschreitet und von den Kellnern mit «Hello, Dolly!» umschwärmt wird, sind die Vorbehalte vergessen. Spätesten wenn sie dann noch mit Gaststar Louis Armstrong im Duett brilliert, verstummen die hartnäckigsten Kritiker.

«Hello, Dolly!» feiert seine Premiere am 16. Januar 1964 im St. James Theatre New York. Der Film, bei dem Gene Kelly Regie führt, kommt fünf Jahre später in die Kinos. Der Komponist Jerry Hermann kann im Anschluss daran mit «Mame» und «La Cage aux Folles» erneut Musical-Erfolge am Broadway feiern.