In Colleen Leuzingers Adern fliesst auch Maori-Blut

An der Westküste von Neuseeland hüpft ein kleines Mädchen fröhlich über die Sanddünen. Am Strand gräbt es nach Muscheln, die es als «superfeine» Zwischemahlzeit freudig verzehrt. Dieses idyllische Bild zeichnet die 71-jährige Colleen Leuzinger-McDowel, wenn sie aus ihrem Leben erzählt.

Colleen Leuzinger-McDowels Grossväter reisten von Schottland und Wales nach Neuseeland und gründeten auf der anderen Seite der Erde eine eigene Familie. Ihr Grossvater mütterlicherseits heiratete eine Maori, eine neuseeländliche Ureinwohnerin. Zwei Generationen später waren die Traditionen der Maori in der Familie Leuzinger kaum noch präsent.

Besonders wertvoll im Erinnerungsschatz der 71-Jährigen sind der Strand und das Meer auf der Nordinsel von Neuseeland. Stundenlang spielte sie mit ihren Geschwistern in den Dünen und suchte im Sand nach Muscheln. «Wir haben die Muscheln ausgegraben, geputzt und gleich gegessen», erzählt Colleen Leuzinger mit strahlenden Augen. «Das war superfein!»

Neue Pflichten für eine junge Frau

Mit dem frühen Tod ihrer Mutter geht die unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit jäh zu Ende. Colleen Leuzinger übernimmt mit 16 Jahren die Fürsorge für ihre drei jüngeren Geschwister und verabschiedet sich von ihrem Traum Lehrerin zu werden.

Ihr Vater bricht am alten Wohnort die Zelte ab und zieht mit den vier Kindern in den Norden. Dort lernt Colleen Leuzinger mit 21 Jahren ihren Mann kennen. Ein reiselustiger Glarner, der nach seinem Job für Ciba Geigy Neuseeland entdecken wollte.

In sieben Wochen um die halbe Welt

Geheiratet wird in Neuseeland, kurze Zeit später sticht das junge Ehepaar in See und reist mit dem Schiff nach Europa. «Wir waren sieben Wochen lang auf dem Meer. Von Neuseeland über Australien nach Südafrika, Teneriffa bis South Hampton und von dort mit dem Zug nach Ziegelbrücke.»

Fliegen wäre sicher praktischer gewesen, doch mit den damaligen Flugpreisen wesentlich teurer als eine siebenwöchige Schiffsreise.

Neue Wurzeln schlagen

Colleen Leuzinger fällt es nicht einfach in ihrer neuen Heimat Fuss zu fassen. Das Heimweh ist gross. Die junge Frau vermisst das Meer. Die Schweizer Berge sind ihr «im Wäg». «Ich konnte kein Wort Deutsch und konnte mit niemanden reden», erzählt sie.

Ihr Mann habe den ganzen Tag gearbeitet und als er Militärdienst leisten musste, sei sie drei Wochen lang ganz allein gewesen. Doch dann startet sie eine Offensive. «Die Leute kommen nicht zu mir, also muss ich zu den Leuten gehen.» Nach diesem Motto schliesst sie sich der örtlichen Damenriege an. «Zwar verstehe ich die Sprache nicht, kann aber immerhin zusehen und mitmachen», habe sie sich gesagt.

Aus zwei wurden 50 Jahre

Eigentlich wollte das Ehepaar Leuzinger nur zwei, drei Jahre in der Schweiz bleiben und danach wieder nach Neuseeland zurückkehren. Inzwischen lebt Colleen Leuzinger-McDowel seit 50 Jahren im Glarnerland, heute im Alterszentrum Bergli in Glarus.

«  13 Stunden Flug bis Singapur und von da noch einmal 13 Stunden bis Auckland. »

Colleen Leuzinger

«Mit meinen zwei Töchtern bin ich natürlich viel nach Neuseeland gereist», erzählt sie. «Das erste Mal als die Jüngere erst anderthalb Jahre alt war und die Ältere dreijährig. Der lange Flug mit mit Zwischenstopps in Bombay, Singapur und Australien war eine grosse Herausforderung.»

Fasziniert von der Heimat ihrer Mutter lebt nun die jüngere Tochter in Neuseeland. Dort hat sie sich mit ihren Glarner Ehemann vor 20 Jahren niedergelassen und eine Familie gegründet.

Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle

In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.

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