Höher, schneller weiter: Rotten wir uns durch Stress selber aus?

Der Ausdruck «Stress» ist erst nach dem 2. Weltkrieg populär geworden. Es könnte aber genau jener Stress sein, der uns einmal von der Erde auslöschen wird. Ein Gespräch mit dem Historiker und Stressforscher Patrick Kury.

Autobahn, Verkehr in rasantem Tempo Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Colourbox

Der Mensch habe schon vor über 100 Jahren unter dem Fortschritt gelitten, schreiben sie.

Kury: Telegraf und Telefon sind aufgekommen, die Elektrifizierung hat eingesetzt. Die neuen Kommunikationsmittel und die Folgen einer rasanten Verstädterung haben Sorgen und Ängste ausgelöst

«  Die neuen Kommunikationsmittel und die Folgen einer rasanten Verstädterung haben Sorgen und Ängste ausgelöst. »
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Patrick Kury

Patrick Kury

Patrick Kury ist Historiker und hat zur Geschichte des Stress' geforscht. Er ist Autor des Buches «Der überforderte Mensch. Eine Wissensgeschichte vom Stress zum Burnout.»

Wie haben sich diese Ängste gezeigt?

Kury: Sexuelle Störungen waren häufig der Fall. Die Leute hatten Ohren- und Gliederschmerzen. Sie litten unter gesundheitlichen Problemen durch die Zunahme von Lärm und Verkehr. An den Städten wurde unentwegt gebaut, das verursachte entsprechende gesundheitliche Probleme. Damit gingen die Leute zum Arzt.

Die Ärzte haben das dann als Nervenschwäche bezeichnet. Der Ausdruck «Stress» kam aber erst mit dem 2. Weltkrieg so richtig auf, sagen sie?

Kury: Vor dem 2. Weltkrieg hat niemand das Wort Stress benutzt. Nach dem zweiten Weltkrieg war der Ausdruck in den USA und Kanada sehr geläufig. Im 2. Weltkrieg hat man medizinische Forschungen angestellt um zu verstehen, unter welchem Druck Soldaten - vor allem Fliegersoldaten - stehen.

Um die Mechanismen dieses massiven Drucks - die Fliegersoldaten hatten Angst, abgeschossen zu werden - beschreiben zu können, hat man damals den Begriff «Stress» verwendet.

Wird der Stress zunehmen? Die Welt wird sich ja eher schneller und nicht langsamer weiterdrehen...

Kury: Das ist anzunehmen. Es gibt zwar Tendenzen zur Entschleunigung. Aber diese Entschleunigungstendenzen dienen dazu, schneller fit zu sein, um in der täglichen Hetze, im täglichen Stress gut funktionieren zu können.

«  Der Mensch wird an seiner eigenen Beschleunigung zugrunde gehen. »
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Kompass

Nadine Nikkles und Ranja Kamal

In der Sendung «Kompass» beantworten Ranja Kamal und Nadine Nikles die grossen und kleinen Fragen rund um Job, Ausbildung und sonstige Lebensfragen.

Hartmut Rosa ist ein führender Wissenschaftler, der sich mit der Frage der Beschleunigung beschäftigt. Er sieht keinen Ausweg aus der Beschleunigungs-spirale. Er stellt die These auf, dass der Mensch an seiner eigenen Beschleunigung zugrunde gehen wird.

Das heisst, wir sterben irgendwann aus... wegen Stress?

Kury: Ich weiss es nicht. Einerseits erkennt man keine signifikanten Merkmale, dass sich die Beschleunigung verlangsamt. Aber man muss auch sagen, dass der Mensch in der Vergangenheit immer gelernt hat, sich an neue Bedingungen anzupassen. Möglich ist auch, dass sich die Informationstechnologie immer rasanter entwickelt und wir nicht mehr nachkommen.

«  Möglich ist auch, dass sich die Informationstechnologie immer rasanter entwickelt und wir nicht mehr nachkommen. »