Das neue Bon-Iver-Album: Der Mann mit der Engelsstimme ist zurück

Auf ihrem dritten Album «22, A Million» bewegt sich US-Musiker Justin Vernon mit seiner Band Bon Iver noch weiter von seinen Folk-Wurzeln weg, als er es ohnehin schon war. Das Ergebnis: Eine vorwärtsdenkende Wundertüte, die immer dann «B» sagt, wenn man «A» erwartet. Entzückend.

Schon 8 Jahre ist es her, seit sich US-Musiker Justin Vernon mit seiner Band Bon Iver und seinem Debütalbum «For Emma, Forever Ago» aus dem Nichts in den Folk-Himmel katapultierte.

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Bon Iver live

Bon Iver haben nicht nur ein neues Album am Start, sie kommen auch endlich wieder einmal in die Schweiz. Am 25. Januar spielt die Band in der Concert Hall in Zürich-Stettbach. Tickets sind ab sofort erhältlich.

Und, hach, die Welt könnte ja so einfach sein. Denn dieses Album, komplett mit seiner «in einer abgeschiedenen Holzhütte aufgenommen»-Mythologie, hätten Bon Iver wohl immer und immer wieder in leicht veränderter Form aufnehmen können – und damit für den Rest ihrer Karriere ausgesorgt.

Mit ein paar mehr Hits im Stile von «Skinny Love» oder «For Emma» hätte es der Band in absehbarer Zeit garantiert zum Sonntagabend-Headliner-Slot am Gurtenfestival gereicht.

Aber dieser Weg war Justin Vernon zu einfach, zu offensichtlich. So rekrutierte er für sein zweites Album «Bon Iver, Bon Iver» eine 9-köpfige Band und befreite sich von sämtlichen Fesseln der Folkmusik. Das zahlte sich aus. Begeisterte Kritiker, Platz 2 in den US-Charts und zum Abschluss setzte er sich an den Grammy-Verleihungen bei der Wahl zum «Best New Artist» gegen Nicki Minaj, J. Cole UND Skrillex (!) durch. Not bad!

Folk und Auto-Tune: geht das?

Der ganze Rummel um «Bon Iver, Bon Iver» ist schon über fünf Jahre her. Höchste Zeit also, dass Justin Vernon und Band mit einem neuen Album den erneuten Versuch starten, keinen Stein auf dem anderen zu lassen.

Bon Iver Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bon Iver im Wald Secretly Canadian

Und siehe da: Die Auto-Tune-Experimente, die sich bereits auf dem letzten Album angekündigt haben, zieht Vernon auf seiner brandneuen Scheibe «22, A Million» noch konsequenter durch.

Fast in jedem Song verzerrt er sein Falsett, seine natürliche Engelsstimme verwandelt sich regelmässig in einen unmenschlich wirkenden Roboter.

Damit stösst Vernon wohl ausgerechnet seiner grössten Fangruppe vor den Kopf: Ein auf dem Boden gebliebener Folkmusiker, der Auto-Tune verwendet? Das geht doch nicht! Schliesslich verzichten «richtige» Musiker auf dieses Teufelszeugs!

In den YouTube-Kommentarspalten findet man übrigens genau jene Diskussionen: «Dieser trendy Scheiss ruiniert das Album!!!», sagen die einen. «Leute, die erwarten, dass Künstler auf ihrem neuen Album exakt gleich tönen würden, haben die Kunst nicht verdient!!!», sagen die anderen.

Eine vorwärtsdenkende Wundertüte

Fest steht: Wer sich darauf einlässt, dass hier bewusst mit der einen oder anderen Konvention gebrochen wird, erhält ein aussergewöhnliches Folk-Album, das in fast jedem Song mit hinreissend schöner Produktion und einem atemberaubenden Akkordwechsel aufwartet. Immer dann, wenn man «A» erwartet, sagt Vernon «B» – und das ist einfach wunderbar.

Und sobald man sich an die verzerrten Vocals gewöhnt hat, kommt auch ebenso rasch die Einsicht, dass Songs wie «29 #Strafford APTS» oder «22 (OVER S∞∞N)» von den alten, «puren» Folk-Songs gar nicht so weit entfernt sind.

«22, A Million» ist kein Album, dass man seinen Eltern zu Weihnachten schenken sollte. Diese Platte ist kein gemütlicher Kuschelfolk, sondern eine poporientierte und vorwärtsdenkende Wundertüte für James Blake- und Radiohead-Gutfinder. Entzückend. 8.5 von 10 Punkten.