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True Life «Ich sehe immer nur Ärsche, Beine und Füsse»

Hitzi ist 24 und sitzt seit sieben Jahren im Rollstuhl. Nur mit Glück ist ihm nicht noch Schlimmeres widerfahren. In unserem neuen Webformat «True Life» erzählt der junge, lebensfrohe Basler von seinem Unfall, seinem Alltag und seinen Träumen.

Der 24-jährige True-Talk-Protagonist Hitzi sitzt im Rollstuhl und ist querschnittsgelähmt. Vor sieben Jahren ist er an einer Hausbesetzungsparty und setzt sich auf ein Balkongeländer. Dort lehnt er sich wohl hinten an ein Banner, der reisst. Er fliegt 12 Meter in die Tiefe und landet – so sagt er – aus Glück halb in einem Busch und halb auf dem Beton. Dabei zerschmettert er seinen Brustkorb, bricht sich diverse Knochen, vier Wirbel, einer davon zersplittert. Einer dieser Splitter bohrt sich in seine Wirbelsäule und unterbricht dort die Verbindung zwischen seinem Gehirn und seinem Rückenmark. «Ich selber habe keine Erinnerungen an diesen Abend, das weiss ich nur von Augenzeugen», erzählt er uns.

True Life

True Life

SRF gewährt einen vertieften Einblick in Leben und Alltag von «True Talk»-Persönlichkeiten. Im Fokus stehen die ganz persönlichen Geschichten der Menschen, die aufgrund bestimmter Eigenschaften, Vorlieben, Berufe und/oder Merkmale häufig mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Hier findest alle Folgen von «True Life», Link öffnet in einem neuen Fenster.

Gelähmt und trotzdem Schmerzen

Beim Unfall erleidet Hitzi zudem eine Hirnblutung, deren Folgen er bis heute spürt. Die Hirnblutung bildet sich zwar gut zurück und sein Hirn erholt sich, was aber bleibt ist eine Verletzung im Zentrum für Körperwahrnehmung. So empfindet Hitzi 24 Stunden am Tag Schmerzen – auch an Stellen seines Körpers, die gelähmt sind.

Für dass ich gelähmt bin und zwei Drittel meines Körpers nicht spüre, ist es schon noch fair, dass ich solche Schmerzen empfinde.

So spürt er ständig ein Brennen in seinem linken Oberschenkel, dass er wie folgt beschreibt: «Kennst du das Gefühl, wenn du in der Turnhalle umfällst und dich aufschürfst? Dieses brennende Gefühl habe ich in meinem Bein.» Und fügt sarkastisch an, dass es ja schon noch fair sei, dass er trotz Lähmung solche Schmerzen empfinde. Zudem leidet er an Spastiken, die dazu führen, dass er bei Positionswechseln immer zitternde Beine hat.

«Ich spüre vor allem die schlimmen Dinge wie Schmerzen, aber ich spüre doch auch Schönes», erzählt er. So spüre er beim Sex die schönen Dinge. «Ich glaube, mein Hirn hat gelernt, Berührungen anders und neu wahrzunehmen. Das hat sich über die letzten sieben Jahre so entwickelt.»

Never not rolling

Obwohl Hitzi auf seinen Rollstuhl angewiesen ist und seine Querschnittslähmung auch unschöne Dinge mit sich bringt, lässt er sich davon nicht abhalten.

Ich könnte auch den ganzen Tag zuhause liegen. Dann hätte ich mehr Geld.

Aufgrund seiner permanenten Schmerzen musste Hitzi seinen Beruf aufgeben und bezieht nun eine IV-Rente. Da er aber nicht den ganzen Tag herumliegen möchte, hat er sich ein kleines Büro gemietet, das ihn zwar kostet, ihm aber Lebensqualität zurückgibt. So kann er seiner grossen Passion, der Fotografie, nachgehen. Trifft man ihn in Basel an, hat er stets mindestens eine Kamera dabei. Das Büro ermöglicht ihm, zu arbeiten, wenn er die Kraft dazu hat. Und wenn es nicht geht, ist es auch OK.

Hitzi und die Fotografie

Er fotografiert Menschen und das urbane Leben. Eine seiner Fotoserien heisst «Feeteria» (Anm. d. Red.: «Feet» steht für Füsse). Und wie Hitzi ist, immer mit einer Spur Selbstironie, erzählt er, dass er für diese Serie vor allem Ärsche, Beine und Füsse fotografiere. Warum? «Egal wo ich bin, das ist das, was ich immer sehe. In jeder Schlange in der ich anstehe, sehe ich aus meiner Perspektive Ärsche, Beine und Füsse – was manchmal auch schön sein kann.»

Aufgeben und resignieren? Nie!

Hitzi ist Optimist. Sein Schicksal, so findet er, erfülle einen Zweck. «Ich habe eine Aufgabe, die ich erfüllen muss und wenn sie erledigt ist, werde ich irgendwann auch wieder laufen können. Ich weiss nicht, aber ich sehe mein 50-jähriges Ich einfach nicht im Rollstuhl.»

Ich bin immer noch derselbe. Nun rolle ich einfach statt zu laufen.

Kurz nach seinem Unfall habe er sich schon Gedanken gemacht, ob sein Leben so noch Sinn ergibt und ob er nicht lieber tot wäre. «Aber als ich mich dazu entschieden habe, zu leben, habe ich diesen Entscheid nie mehr angezweifelt.» Und so kämpfte er sich zurück und zeigte seiner Behinderung die Stirn.

«Klar, ich komme an gewisse Dinge, die hoch sind, nicht mehr ran und kann manche Dinge nicht mehr machen. Aber ich sehe mich nicht als behindert», sagt er und fügt an, dass das Wort «behindert» Schlimmes für ihn impliziere. Er fühle sich aber überhaupt nicht schlimm und sei immer noch derselbe. Statt laufen würde er nun halt rollen und hält fest: «Wenn du einmal nahe am Tod warst, merkst du, dass so vieles egal ist und du lernst das Leben richtig zu schätzen.»

Hitzi bei «True Talk»

In unserem Webformat «True Talk» räumte Hitzi mit Vorurteilen gegenüber Rollstuhlfahrern auf. So erzählt er von seinem Katheter, von Sex und den Tücken des öffentlichen Verkehrs.

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