«Die Frau ohne Grab. Bericht über meine Tante» von Martin Pollack

1945 in einer slowenischen Kleinstadt: eine unbescholtene alte Österreicherin wird von jugoslawischen Partisanen verhaftet und stirbt in einem Lager ohne Spuren zu hinterlassen. In «Die Frau ohne Grab» widmet Martin Pollack seiner Grosstante eine akribisch recherchierte Zeit- und Familiengeschichte.

Martin Pollack
Bildlegende: gezett imago images /

Der Krieg war vorbei, und im ehemaligen Kronland der k. u. k. Monarchie rechneten die Sieger ab. Aber warum traf es gerade die stille, zurückgezogene Pauline? Sie lebte seit Kindheit in Tüffer, slowenisch Laško, war mit einem Slowenen verheiratet und hielt sich aus den Spannungen zwischen der deutschen Minderheit und der slowenischen Mehrheit heraus. Anders ihre Brüder. Diese waren glühende Nazis, hatten ihrer Heimat aber schon länger den Rücken gekehrt.

Martin Pollack (*1944), Historiker, langjähriger Spiegel-Reporter und Übersetzer, ist als Autor ein Meister der dokumentarischen Prosa. Er hat ein untrügliches Gespür dafür, wie man mittels kleiner Geschichten von grosser Geschichte erzählt. Und er bringt die Geduld auf, hartnäckig auch da zu forschen, wo sich die Spuren verlieren. Schon auf seinen Vater, einen hohen Gestapo-Beamten und SS-Offizier («Der Tote im Bunker», 2004), blickte er wie durch ein Nadelöhr. Die Geschichte der Grosstante ist noch fragmentarischer: die vergangene Zeit gibt vieles nicht mehr preis. Aber gerade aus dem Verlorenen, aus dem, was für immer fremd bleibt, entsteht ein Text, der mit Privatem so genau umgeht wie mit Zeitgeschichte und ein Schlaglicht auch auf aktuelle politische Konstellationen wirft.

Mit Martin Pollack spricht Franziska Hirsbrunner.

Buchhinweis:
Martin Pollack. Die Frau ohne Grab. Bericht über meine Tante. Paul Zsolnay Verlag, 2019.

Autor/in: Franziska Hirsbrunner