Ampère Spezial: Mit Klangkünstlerin Martina Lussi im Knochenhaus

Im Interview erzählt die Luzernerin von Feuerwerk und Schusswaffen, Nachtarbeit und warum sie keine Musikerin sein will.

Bildlegende: ZVG

Die vierte Episode «Ampère» steht ganz im Zeichen Martina Lussis. Die Luzernerin hat zu Jahresbeginn ihre zweite LP veröffentlicht: Auf Diffusion Is A Force spielt sie mit der Vieldeutigkeit von Klangquellen, erzwungenem Zufall – und der Aufmerksamkeit ihrer Hörerinnen und Hörer.

Ein kalter, verregneter Samstag im Schweizer Hinterland. Im Stanser Beinhaus macht es sich Martina Lussi gemütlich. Zwischen Marienbildnis und Priestergrab surren ihre Maschinen leise vor sich hin. Ein Blick in den hinteren Teil des Raumes offenbart eine bizarre Jesusstatue, umrahmt von hundert Schädelknochen. Der Soundcheck ist durch, alles klingt wie gewollt, nur das Mikrophon macht noch Faxen. Während ihrer Performance, nach Einbruch der Dunkelheit und in einnehmender Atmosphäre, stört sich niemand daran. Das zahlreich erschienene Publikum ist komplett absorbiert.

«Ich möchte mich selbst herausfordern. Mutig sein.»

Einige Tage später verrät sie, dass sie gerne mehr Gesang eingesetzt hätte – so, wies auch auf ihren Aufnahmen zu hören ist. Diesmal sitzt sie in ihrem Luzerner Wohnzimmer. Hinter ihr türmt sich eine Wand aus Büchern, Schallplatten, Musikkassetten. Vor ihr steht ein Mikrophon auf dem selbstgebastelten Holztisch, daneben eine Karaffe dampfender Kräutertee. Während einer Stunde erzählt sie von ihrem Werdegang und ihren Ambitionen. Vom ersten Album (Selected Ambient, Hallow Ground 2017) und ihrem neusten Langspieler, der im Januar auf dem Indielabel Latency erschienen ist. Von der idealen Hörsituation, Erfahrungen im revolutionären Kairo und der Geräuschkulisse ihrer Pariser Wahlheimat.

«Mich interessieren Kippmomente. Was lässt sich den Hörern noch vermitteln? Wo liegen die Grenzen?»

Im Gespräch wird deutlich, dass die aufwändigen Arrangements nicht zufällig desorientierend wirken. Vieldeutige akustische Botschaften stehen im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Geräusche werden als formbare Knetmasse begriffen, die durch den kreativen Prozess verformt, neu kontextualisiert, übereinandergelegt und auseinandergerissen werden kann. So werden Räume geschaffen und aufgebrochen. Dem Publikum ist es selbst überlassen, sich darin zurechtzufinden. Und sich auch mal darin zu verlieren.

Lussi operiert an der Schnittstelle zwischen experimenteller Electronica und Kunstszene, Ambient-Floor und Museum. Nebst den Liveperformances beschäftigt sie sich mit Installationen und steuert Material zu Ausstellungen bei. Dass ihr neues Album aber auch ohne künstlerischen Hintergrund genossen werden kann, beweist der Selbstversuch. 34 Minuten lang driften Hörerinnen und Hörer durch die sorgfältig konstruierten Landschaften; selbst beim sechsten Durchgang entdecken wir noch neue Facetten. Hörproben daraus gibts in der heutigen Spezialepisode Ampère. Und das Interview obendrauf.

TRACKLIST

  • Koreless - Never
  • Dub Phizix - Rotate
  • Mark Lando - J&S
  • Proc Fiskal - Dish Washing
  • Martina Lussi - Anarchy For Her
  • Michal Turtle ft. HOVE - Greatness In The Catapult
  • Tirzah ft. Coby Sey - Devotion
  • Mechatok - See Thru
  • Martina Lussi - Expectation Or Obsession
  • Andy Stott - Butterflies
  • Age Is A Box - One By One
  • Amon Tobin - On A Hilltop Sat The Moon

Autor/in: Text: Nicolas Rechsteiner | Moderation: Benjamin Ramsauer | Redaktion: Benjamin Ramsauer | Nicolas Rechsteiner, Johannes Kaiser | Audio: Thomas Koubik | Video: Max Herber | Artwork: Joe Zschorn