«Fuerteventura darf man nicht mit der Schweiz vergleichen»

Tobias Bayer und Michael Paris haben auf Fuerteventura eine Bar eröffnet. Der Wauwiler Toni Staffelbach lebt mit seiner Frau Queta seit 30 Jahren auf der Insel und führt dort ein Restaurant. Er erklärt, wie sich der Tourismus verändert hat, und was es braucht, um hier beruflich erfolgreich zu sein.

Toni und Queta Staffelbach vor ihrem Restaurant «El Sombrero». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Toni und Queta Staffelbach vor ihrem Restaurant «El Sombrero» in Corralejo. Privat

«SRF DOK»: Wie sind Sie nach Fuerteventura gekommen?

Toni Staffelbach: Ich war schon immer ein Abenteurer und mein Traum war es, im Süden von Europa ein eigenes Restaurant zu haben. Deswegen habe ich nach einer kaufmännischen Ausbildung auch die Hotelfachschule absolviert. Mitte der 80er-Jahre übernahm ich mit einem Freund ein Restaurant auf Teneriffa. Nach einem Jahr stieg ich zwar wieder aus, doch da hatte mich bereits der kanarische Virus gepackt. Mit meiner Frau Queta bereiste ich danach auch die anderen kanarischen Inseln. Unsere Ankunft auf Fuerteventura werde ich nie mehr vergessen.

Warum?

Es hat eingeschlagen wie ein Blitz. Diese wildromantische Natur: Dünen wie in Afrika, kristallklares Wasser und sehr herzliche Bewohner, gastfreundlich und offen. Corralejo war damals ein kleines Fischerdorf. Die Strassen waren staubig und nur die Hauptstrasse war asphaltiert. Im ganzen Ort gab es nur vier Telefonanschlüsse. Eine Kanalisation existierte nicht, Tanklastwagen brachten das Wasser zum Haus, es gab keine Verkehrsregeln. Es war fast so wie einst im Wilden Westen.

Toni Staffelbach und seine Frau Queta 1987 auf Fuerteventura. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Toni Staffelbach und seine Frau Queta 1987 auf Fuerteventura. Privat

Ihr Traum begann Realität zu werden.

Uns war sofort klar: Hier wollen wir uns niederlassen. Dank meiner langjährigen Reiseerfahrung – auch als Reiseleiter – erkannte ich schon bald das touristische Potential dieses Ortes. Nach gut zwei Wochen unterschrieben wir einen Pachtvertrag für unser erstes gemeinsames Restaurant.

Und der Alltag war so traumhaft, wie Sie sich das vorgestellt hatten?

Aller Anfang ist schwer, da hat man Vorstellungen, die Realität jedoch ist eine andere. Unser Durchhaltewille wurde auf die Probe gestellt und wir arbeiteten buchstäblich Tag und Nacht. Wir hatten es also nicht leicht, auch, weil wir unsere eigenen Ideen verfolgten: Wir wollten nicht Fisch servieren wie alle hier, sondern setzten auf unsere eigenwilligen Fleischkreationen. Deshalb wurden wir anfänglich skeptisch begutachtet. Erst nach einem Jahr konnten wir uns durchsetzen. Nach gut zehn Jahren auf der Insel konnten wir dann endlich ein eigenes Haus kaufen – an der Hafenpromenade! Wir bauten es zu unserem heutigen Restaurant um.

Das Restaurant «El Sombrero» von Toni Staffelbach in Corralejo auf Fuerteventura. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Restaurant «El Sombrero» von Toni und Queta Staffelbach in Corralejo. Privat

Wie hat sich die Insel seit den 80er Jahren verändert?

1987 kamen etwa 270 000 Feriengäste auf die Insel. Im Jahr 2016 waren es 2.8 Millionen. Eine Verzehnfachung! Richtige Boomjahre waren die Nullerjahre dieses Jahrhunderts. Erst mit der spanischen Rezession kam dann ein richtiger Einbruch. Denn die internationale Finanzkrise traf Spanien besonders hart. Ich vergesse nie den Januar 2009: Die Strassen waren wie leergefegt. Nicht nur die spanischen Touristen, auch die Nordeuropäer blieben aus. Erst 2011 zog der Tourismus langsam wieder an, denn wir profitierten von der politisch schwierigen Situation in den arabischen Staaten wie Ägypten oder Tunesien.

Doch Masse ist nicht Klasse. Früher blieben die Gäste länger und hatten auch mehr Geld. Heute bleiben sie weniger lange und geben weniger Geld aus. Auch der All-Inclusive-Tourismus macht es nicht einfacher, die Gäste bleiben in ihren Hotelanlagen. Doch der neu aufgekommene Airbnb-Tourismus macht diese Einbussen wieder wett. Für uns ist das eine gute Entwicklung.

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«Auf und davon»

«Hoffnung und Zweifel» Folge 4, 27.Januar 2017, 21.00 Uhr, SRF 1

Wie kann man auf Fuerteventura geschäftlichen Erfolg haben?

Meine Frau und ich sind ein eingeschworenes Team, das macht mich glücklich – das ist die Basis. Viele Auswanderer vergleichen Spanien mit der Schweiz. Das geht natürlich nicht. Man muss sich den hiesigen Bedingungen anpassen. Vergleichen ist wirklich verboten! Uns hat natürlich geholfen, dass meine Frau spanische Wurzeln hat. Man muss offen bleiben, sich immer wieder den neuen Umständen anpassen, kommunikativ sein und vor allem die Sprache beherrschen. Sonst kommt man schnell unter die Räder.

Man kann also als Alpenländer auf einer kanarischen Insel glücklich werden?

Es gibt viele, die sagen, Fuerteventura sei eine Geröllhalde. Und dann gibt es die anderen, wie wir, die dem Reiz dieser eigenwilligen Natur verfallen sind. Diese karge Wildheit, diese Farben und natürlich das Meer – nur zum Surfen kommen wir leider seit Jahren nicht mehr.

Die Bar von Tobias und Michael nimmt Gestalt an

0:24 min, vom 27.1.2017

Haben Sie einen Tipp für unsere Auswanderer Tobias Bayer und Michael Paris?

Je besser sie die Sprache beherrschen umso einfacher ist es für die beiden, Kooperationen mit anderen Geschäften einzugehen. Der Erfolg wird einem hier nicht geschenkt, man muss hart arbeiten! Leider war ich noch nie in ihrer Bar. Ausgerechnet wenn wir geschlossen haben und frei hätten, haben auch sie ihren «Wirtesonntag». Aber ich werde baldmöglichst einen Besuch bei den beiden nachholen.

Das Gespräch führte Regina Buol. Als Autorin drehte sie die Geschichte von Tobias Bayer und Michael Paris in der Schweiz und auf Fuerteventura.

Sendungen zu diesem Artikel

  • SRF 1 27.01.2017 21:00

    Auf und davon
    Hoffnung und Zweifel

    Staffel (2017), Folge 4

    Patrica und Romano Tschudi warten in ihrem Gästehaus auf Bali sehnsüchtig auf Gäste, in Kanada kämpfen Volks mit stinkendem Abwasser und auf Fuerteventura sind sich Tobias und Michael nicht sicher, ob sie ihrem Bauführer auch wirklich trauen können.

  • SRF 1 20.01.2017 21:00

    Auf und davon
    Zuhause in der Fremde

    Staffel (2017), Folge 3

    Auf Bali ist Patricia trotz renovierten Zimmern skeptisch. Familie Volk in Kanada steht vor einer kleinen Zerreissprobe, denn die Container aus der Heimat sind noch nicht eingetroffen und auf Fuerteventura sind Michael und Tobias verzweifelt auf der Suche nach einer fixen Bleibe.

  • SRF 1 13.01.2017 21:00

    Auf und davon
    Start mit Hindernissen

    Staffel (2017), Folge 2

    Patrica und Romano Tschudi machen Bekanntschaft mit der eher lauen Arbeitseinstellung auf Bali, Familie Volk erlebt eine böse Überraschung mit ihrem Visumsantrag und Tobias und Michael erfahren, dass die Uhren auf Fuerteventura anders ticken, als in der Schweiz.

  • SRF 1 06.01.2017 21:00

    Auf und davon
    Vorfreude und Abschiedsschmerz

    Staffel (2017), Folge 1

    Patrica und Romano Tschudi wagen den grossen Schritt. Auf Bali eröffnen sie ein Gästehaus. Familie Volk will sich in Kanada mit einem Holzfäller-Unternehmen eine neue Existenz aufbauen. Und Tobias Bayer und Lebensgefährte Michael Paris eröffnen auf Fuerteventura eine Bar. Der Abschied steht bevor.