Leben in Lima – sich durchsetzen und improvisieren

Ali Wettstein, der Büezer aus Bern, läuft keine Gefahr, dass seine Stimme und sein Hupe einrosten. Er hat gelernt, sich im hektischen Verkehr in der Millionenstadt Lima durchzusetzen. Der tägliche Kampf auf dem Asphalt prägt das Familienleben.

Video «Ali gegen alle» abspielen

Ali gegen alle

1:56 min, vom 29.4.2016

Peruaner sind sehr freundlich – ausser sie müssen mit dem Auto zur Arbeit ins Zentrum von Lima fahren. Das verrät uns Ali, während er seinen Sohn Sven zur Schule chauffiert und danach ins Büro fährt. Reissverschluss-System, das ist in Lima ein Fremdwort. Hier gilt: Volles Vertrauen ins Schutzengel-Maskottchen, das hier auf kaum einem Armaturenbrett fehlt, und dann Gas geben und jeder für sich.

Der tägliche Kampf auf dem Asphalt hat direkte Auswirkungen auf Alis Kinder: «Wenn du in Bern in die Schule gehst, kannst du morgens hinlaufen, wirst selbständiger, kannst nachmittags mit Klassenkameraden spielen, das ist hier in Lima ein Ding der Unmöglichkeit.» Sein Sohn Sven könne mit seinen Schulgspänli nur am Wochenende etwas unternehmen.

Doch so sehr Ali über die Blechlawine flucht, neuerdings lebt er auch davon. Als Geschäftsführer einer Firma, die Garagenzubehör verkauft, schmunzelt er über seine paradoxe Situation: «So wie sie hier rumfahren, knallt es auch richtig. Beulen, eingedrückte Türen, kleine Schäden. Das ist mein tägliches Brot.»

Mit Höflichkeit bleibt man stecken

Mit Schweizerischer Zurückhaltung kommt man in Lima nicht weit. «Goppaletti!» heisst der vom Berner Gringo meist verwendete Schlachtruf, wenn er wieder mal auf Unzuverlässigkeit und Rücksichtslosigkeit trifft: «Sie haben hier eine ganz andere Mentalität. Hier kannst du nicht so offen sein wie in der Schweiz. Ich bin ein Mensch, der sagt, das denke ich von dir, und dann habe ich es dir gesagt. Und in fünf Minuten bin ich auch nicht mehr wütend. Hier ist das nicht so. Du musst sagen, das ist gut, dies ist gut. Und wenn du mal deine Meinung sagst, sind sie betroffen und wütend.»

Seine spirituelle und pragmatische Frau Jenni hat ihm beigebracht, dass es in ihrer Heimatstadt wichtig ist, die Nerven zu behalten, improvisieren zu können und im Hier und Jetzt auch die kleinen Momente der Ruhe und Freude zu geniessen.

Dominic Hiss filmt die Metropole Lima Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lima ist keine Traumstadt SRF

Lima ist keine Traumdestination

Mit entwaffnender Ehrlichkeit erzählt uns Ali, dass er nicht nach Lima gekommen wäre, wenn er hier keine familiären Bande hätte. «Aber es gibt auch viele gute Leute, wir haben tolle Kollegen und Freunde. Du hast hier viel mehr Möglichkeiten, dich selbständig zu machen, mit einem recht kleinen Budget. Und schliesslich ist das peruanische Essen eine wahre Gaumenfreude!»

Trotz Stress auf der Strasse und Widrigkeiten im Alltag haben sich Wettsteins ihre Lebensfreude bewahrt – zu Hause sind sie dort, wo ihre Familie ist. Und die ist jetzt in Lima.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 29.04.2016 21:00

    Auf und davon
    Familie Wettstein in Peru

    Auf und davon Spezial, Folge 4

    Mona Vetsch reist nach Peru zu Jennifer und Ali Wettstein und ihren Kindern. Dort trifft sie auf eine Familie, deren Leben durch einen Schicksalsschlag verändert worden ist,und die sich trotzdem ihre liebevolle und lebensbejahende Einstellung bewahrt hat.