«Club» vom 23.2.2016

  • Dienstag, 23. Februar 2016, 22:20 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 23. Februar 2016, 22:20 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 24. Februar 2016, 1:45 Uhr, SRF 1
    • Mittwoch, 24. Februar 2016, 11:00 Uhr, SRF info
    • Mittwoch, 24. Februar 2016, 16:40 Uhr, SRF info
    • Donnerstag, 25. Februar 2016, 4:00 Uhr, SRF 1
    • Donnerstag, 25. Februar 2016, 12:45 Uhr, SRF info
    • Freitag, 26. Februar 2016, 10:05 Uhr, SRF info
    • Samstag, 27. Februar 2016, 14:05 Uhr, SRF info

Ohne Arbeit keine Integration. Darin sind sich alle einig. Mit Berufseinstiegs- und Sprachkursen sollen Flüchtlinge gefördert und gefordert werden. Das ermöglicht ihnen ein Leben in Würde und entlastet die Sozialhilfe. Noch zögert die Wirtschaft. Bund und Skos fordern zum Handeln.

«Auf euch hat hier niemand gewartet» - der SRF-Dokfilm hat eingeschlagen. Flüchtlinge absolvieren eine einjährige Flüchtlingslehre im Gastrogewerbe, besuchen Sprach- und Benimmkurse. Er veranschaulicht die Chancen und Schwierigkeiten der Integration in den Arbeitsmarkt. Die Wirtschaft bietet jedoch erst zögerlich Hand, sie fordert in vielen Bereichen höhere Qualifikationen. Den Gemeinden wiederum fehlt das Geld für die aufwendigen Integrationsprogramme. Die 6‘000 Franken Starthilfe des Bundes für jeden Flüchtling genügen ihnen nicht. Die hohen Kosten zu Beginn würden sich auf Dauer mehr als bezahlt machen, argumentieren sie: Wer arbeitet, braucht keine Sozialhilfe. Diese ist rund 25‘000 pro Person und Jahr. Man rechne, wenn ein 20Jähriger lebenslänglich davon leben müsste.

Die einjährige Flüchtlingslehre hat den Ruf eines Vorzeigemodells. Im Gastrogewerbe gibt es sie seit zehn Jahren mit einer Erfolgsquote von 80%. Der Bund hat 54 Millionen Franken gesprochen, damit weitere 1000 Flüchtlinge in den Genuss dieser Ausbildung kommen. Ziel ist, das Modell auf andere Branchen (Bau- und Autogewerbe, Pflegeberufe usw.) auszudehnen. Zudem fordert die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) die Player Bund, Kantone und Wirtschaft an einen runden Tisch. Kritiker fürchten die Magnetwirkung des Flüchtlingsparadieses Schweiz. Andere warnen auch vor der Konkurrenz für Schweizer Arbeitnehmer mit niedriger Qualifikation.

Im «Club» diskutiert Thomy Scherrer die kontroverse Integrationsthematik mit Experten, Skeptikern und Flüchtlingen:

Roland A. Müller, Direktor Schweizerischer Arbeitgeberverband
Felix Wolffers, Ko-Präsident Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe Skos
Rudolf Strahm, Experte Berufsbildung, ehem. Preisüberwacher
Hannes Germann, Präsident Gemeindeverband Schweiz, Ständerat SVP/SH
Markus Vogel, Kompetenzzentrum Integration Stadt Bern
Yonas Gebrehiwet, Flüchtling aus Eritrea, Lehrling

Positionen der Gäste

Felix Wollfers: «Die berufliche Integration muss unmittelbar nach dem Entscheid über den Verbleib in der Schweiz beginnen. Notwendig sind niederschwellige Berufseinstiegskurse in verschiedenen Branchen, die von den Berufsverbänden konzipiert und getragen sowie vom Bund geregelt werden und den Weg in eine Berufslehre öffnen.»

Rudolf Strahm: «Die rasche Arbeitsintegration der Flüchtlinge hat nur Vorteile: Sie entlastet die Sozialhilfe und gibt den Flüchtlingen ihre Würde, weil sie selber für ihren Lebensunterhalt aufkommen.»

Hannes Germann: «Die Flüchtlinge belasten die Gemeinden stark. Die Ansätze für Sozialhilfe sind oft zu hoch. Arbeit für Flüchtlinge wäre gut. Nur: Viele stammen aus bildungsfernen Schichten und Ländern und sind deshalb nur schwer vermittelbar.»

Markus Vogel: «Es braucht viel Zeit, Geduld und Durchhaltewille beider Seiten, um die Flüchtlinge erfolgreich in die Arbeitswelt zu integrieren.»

Yonas Gebrehiwet: «Nur wenn Flüchtlinge arbeiten und mit den Schweizerinnen und Schweizern zusammenleben können, gelingt ihre Integration. Solange sie als unwillkommen angesehen werden, kann von Integration nicht die Rede sein.»

Beiträge

  • Thomy Scherrer

    Der Moderator stellt seine hochkarätig besetzte Gesprächsrunde aus Experten, Skeptikern und Flüchtlingen zur Streitfrage "Arbeit statt Sozialhilfe" vor.

  • Yonas Gebrehiwet: «Wer nicht arbeiten kann, verfault auf Dauer.»

    Der Eritreer, selbst Flüchtling und kurz vor dem Lehrabschluss als Textiltechnologe, prangert Bürokratie und Medien an. Die Lage seiner Landsleute als Flüchtlinge sei teils desolat, weil sie oft jahrelang untätig auf einen Asylentscheid warten müssten. Auf der Suche nach Arbeit begegnetenn sie als Flüchtlingen hohen bürokratischen Hürden auf den Migrationsämtern. Zusätzlich würden bestimmte Parteien und Medien sie schlecht machen und damit ihrer Integration zusätzlich Steine in die Wege legen.

  • Felix Wolffers: «10'000 unbesetzte Lehrstellen.»

    Wer sich ans Nichtstun gewöhnt, findet oft den Weg nicht mehr zurück in ein geregeltes Arbeitsleben. Die Hälfte der Flüchtlinge sind heute jünger als 25 Jahre, die meisten davon Männer. Auf der andern Seite gibt es gegen 10'000 freie Lehrstellen auf dem Arbeitsmarkt. Wir müssen Wege finden, diese gegensätzlichen Realitäten zu vereinbaren.

  • Markus Vogel: «Auch fremde Kulturen kennen Werte und Normen.»

    Im sogenannt ergänzenden Arbeitsmarkt beschäftigt er Flüchtlinge mit rudimentären Kompetenzen. Sie lernen durch die Arbeit deutsch, Normen und Benimmregeln. Er leistet einen Beitrag zur ersten Stufe der Integration, die ihre Fortsetzung in Flüchtlings- oder Berufseinstiegslehren findet. Die Subventionierung durch Bundesgelder reiche dazu nicht aus, sagt er.

  • Roland A. Müller: «Ohne minimale Vorbildung keine Beschäftigung.»

    Auch er sieht Handlungsbedarf und setzt Hoffnung in die geplanten Bundeszentren mit schnelleren Entscheidungswegen für ankommende Flüchtlinge. Die Wirtschaft trage durchaus ihren Teil zur Integration in den Arbeitsprozess bei. Vor allem grössere Unternehmen haben ein Potenzial dafür wie die Beispiele Planzer, Caran d'Ache und Ikea zeigen.

  • Rudolf Strahm: «Flüchtlinge brauchen schneller feste Strukturen.»

    Flüchtlinge aus Afrika sind nach zwei bis vier Jahren Aufenthalt bei uns zu zwei Dritteln noch nicht erwerbstätig. Je länger dieser Zustand dauert, desto schwieriger wird ihre Integration. Das Ziel "Arbeit für alle" bleibt. Es braucht jedoch Übergangslösungen für die schlecht Gebildeten: Eba- oder Flüchtlingslehren. Vorbild sind die RAV's.

  • Hannes Germann:«Sozialhilfe ist eine tickende Zeitbombe.»

    Die grössten Soziallasten tragen die Gemeinden. Auf Dauer werden sie daran zerbrechen. Es braucht andere Lösungen, um das Problem der erwerbslosen Flüchtlinge zu lösen. Nicht alle werden den Weg in die Arbeit schaffen.

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