Endlosschlaufe Sozialhilfe?

  • Dienstag, 8. September 2015, 22:20 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 8. September 2015, 22:20 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 9. September 2015, 1:40 Uhr, SRF 1
    • Mittwoch, 9. September 2015, 11:00 Uhr, SRF info
    • Donnerstag, 10. September 2015, 4:00 Uhr, SRF 1
    • Donnerstag, 10. September 2015, 12:45 Uhr, SRF info
    • Samstag, 12. September 2015, 14:05 Uhr, SRF info

Wer einmal drin ist, kommt nur schwer wieder raus. Die Sozialhilfe ist für viele Menschen eine Endstation - nicht selten auch für Kinder, Jugendliche und Migranten. Denn Armut ist vererbbar und die Zahl der Langzeitempfänger von Sozialrenten nimmt zu.

Was einmal als Übergangshilfe gedacht war, wird für immer mehr Menschen zum Dauerzustand. Neuste Zahlen zeigen: Für einige Menschen wird die Abhängigkeit von der Sozialhilfe zur eigenen Lebensform. Insgesamt bezogen in den vergangenen Jahren zwar weniger Menschen eine Sozialrente - doch die Zahl der Langzeitempfänger steigt. Dies zeigt der neueste Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe in Schweizer Städten. Warum beziehen Menschen heute länger Sozialrente? Wo drückt den Städten und Gemeinden der Schuh? Braucht es mehr Repression oder bessere Angebote, um gerade auch junge Menschen in den Berufsalltag zu integrieren?

Unter der Leitung von Karin Frei diskutieren Fachleute aus Gemeinden und Institutionen mit ehem. Sozialhilfebezügern.

Positionen der Gäste

Vladyslav Bormashov, ehem. Sozialhilfebezüger: «Zuhause hatte ich immer Streit. Alle Ausbildungen habe ich abgebrochen. Ein Sozialarbeiter hat mich dann ins betreute Wohnen vermittelt. Seitdem klappt es mit dem Arbeiten. Und auch mit meinen Eltern verstehe ich mich wieder besser.»
Therese Frösch, Co-Präsidentin der Konferenz für Sozialhilfe, Skos: «Man muss auf vielen Ebenen wirken. Es braucht Prävention, Therapie, Schadensminderung, aber es braucht auch Repression.»
Renate Salzgeber, Dozentin Berner Fachhochschule, Bereich Soziale Arbeit: «Rund Dreiviertel aller Sozialhilfebeziehender sind bis höchstens drei Jahre auf Leistungen angewiesen. Für einen relativ kleinen Teil der unterstützten Personen sichert die Sozialhilfe als letztes Netz längerfristig den Lebensunterhalt. Diese Hilfe können und müssen wir uns als Gesellschaft leisten.»
Kurt Spillmann, Sozialvorstand Dübendorf: «Heute kann es nach wie vor geschehen, dass jemand, der in der Sozialhilfe ist, mehr bekommt, als jemand, der einer Erwerbsarbeit nachgeht. Hier liegt ein Fehler im System.»

Rosita Schaub, Sozialarbeiterin Stradt Zürich: «Ich habe noch nie erlebt, dass ein junger Mensch sagt, er wolle sein Leben in der Sozialhilfe verbringen.»

Margrit Aebi, Sozialvorsteherin Waldenburg: «Wenn jemand bedürftig ist, helfen wir sehr gerne. Ärgerlich ist es aber, wenn wir merken, dass jemand das soziale System schamlos auszunützen versucht.»

Beiträge

  • Karin Frei, Moderatorin

    Stellt ihre Gäste vor und führt ins Thema Sozialhilfe ein. Wer einmal drin ist und Fürsorgegelder bezieht, tut dies oft länger. Welche Wege führen aus der Sozialhilfe und wer ist besonders gefährdet schnell zum Beziehenden zu werden.

  • Vladyslav Bormashov, ehem. Sozialhilfebezüger

    Erklärt wie er in die Sozialhilfe abrutschte. Er habe über seine Verhältnisse gelebt und in der Familie viele Konflikte gehabt – zudem konsumierte der junge Mann zu dieser Zeit Drogen. Bormashov umreisst seine Abwärtsspirale.

  • Therese Frösch, Co-Präsidentin der Konferenz für Sozialhilfe,Skos

    Es gebe gerade für Familien sehr wohl Alternativen zur herkömmlichen Sozialhilfe. Beziehende fühlen sich oft „gestempelt“ wenn sie als Sozialrentner erkennbar sind. Dies müsse man vermeiden, man darf gerade diese Menschen nicht ausgrenzen. Frösch erwähnt den Kt. Tessin, welcher innovativere Abgabesysteme kenne.

  • Renate Salzgeber, Dozentin Berner Fachhochschule, Soziale Arbeit

    Berichtet, warum die Sozialhilfe sich nun auch vermehrt auf Kinder und Jugendliche von Bezügern konzentriert. Man versuche so, der zweiten bzw. dritten Generation den Einstieg in die Gesellschaft überhaupt zu ermöglichen. Armut sei vererbbar, es gelte, diese familiäre Tendenz zu brechen und den Kindern von Sozialrentnern eine solche Karriere zu ersparen.

  • Kurt Spillmann, Sozialvorstand Dübendorf/SVP

    Spillmann fasst alle finanziellen Zuwendungen zusammen, welche eine beziehenden Familie zu gut hat. Natürlich, so der Sozialvorsteher, hat jemand keine Motivation, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu begeben, wenn die Sozialhilfebeiträte derart grosszügig berechnet seien. Therese Frösch wirft er vor, die Skos habe dazu beigetragen, dass Sozialrenten aus dem Ruder liefen.

  • Rosita Schaub, Sozialarbeiterin Stadt Zürich

    Schaub arbeitet in ihrer Position hauptsächlich mit Jugendlichen, welche meist schon diverse Abbrüche von Ausbildungsprogrammen hinter sich haben. Sie beschreibt die Dynamik in solchen Institutionen, die den Jungen Hand bieten können. Nicht immer stelle sich ein Erfolgserlebnis ein – trotzdem lohne es sich, gerade bei jungen Sozialhilfebeziehenden dran zu bleiben.

  • Margrit Aebi, Sozialvorsteherin Waldenburg BL

    Auch in Waldenburg versucht man, mit der Wirtschaft zusammen zu spannen – leider meist erfolglos. Aebi hat grosse Sorgen, dass ihre Langzeit-Sozialrentner in der Fürsorge bleiben, da keine Stellen da sind für sie und viele Beziehende kaum Arbeitsbemühungen unternehmen. Zudem kritisiert sie die Ärzte, welche zu unbedarft Arbeitsunfähigkeits-Zeugnisse für faule, unwillige Beziehende austellen.

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