Flüchtlingsströme ohne Ende

  • Dienstag, 1. September 2015, 22:25 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 1. September 2015, 22:25 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 2. September 2015, 1:40 Uhr, SRF 1
    • Mittwoch, 2. September 2015, 11:00 Uhr, SRF info
    • Donnerstag, 3. September 2015, 3:55 Uhr, SRF 1
    • Donnerstag, 3. September 2015, 12:45 Uhr, SRF info

Die Flüchtlingsströme reissen nicht ab. Und die Katastrophen nehmen zu: Tote Flüchtlinge in Booten, in Lastwagen, überfallen, auf der Flucht sogar umgebracht und ihrer Organe beraubt. Professionelle Schlepperbanden kassieren Milliarden. Die internationale Politik scheint machtlos. Warum?

Am Freitag wird bekannt: In einem Lastwagen im österreichischen Burgenland ersticken über 70 Flüchtlinge. Vor der libyschen Küste kentern zwei Boote, die Sicherheitsexperten sprechen von über 200 Toten. Flüchtlinge berichten von Leichen an der Grenze zwischen Mazedonien und Serbien, denen die Organe entnommen wurden.

Es scheint, als sei diesem Problem mit bürokratischen und polizeilichen Mitteln nicht mehr beizukommen. Geschlossene Grenzen bremsen den Andrang kurzfristig oder verändern die Fluchtrouten. Viele Flüchtlinge sind derart verzweifelt, dass sie sich durch nichts aufhalten lassen. Menschenhändler machen damit das grosse Geschäft. Schätzungsweise eine Milliarde Franken pro Jahr soll für Schlepper ausgegeben werden.

Längst sind internationale Lösungen gefragt. Was kann gegen die kriminellen Schlepperbanden getan werden? Wie funktionieren sie? Welche Verantwortung müssen die Grossmächte übernehmen und weshalb schafft es die internationale Politik nicht, die Konflikte im Nahen Osten und auf dem afrikanischen Kontinent beizulegen?

Positionen:

Markus Mader, Direktor Schweizerisches Rotes Kreuz, ehem. IKRK-Delegierter: «Alle Menschen, die ihre Heimat in der Not verlassen haben und zu uns unterwegs sind, müssen unter allen Umständen und überall in ihrer Würde geschützt werden. Und wenn sie bleiben, müssen sie hier integriert werden. Wir müssen auch weiter daran arbeiten, die Lebensumstände in ihren Heimatländern zu verbessern, um so dem Ansporn zur Emigration entgegenzuwirken.»

Edouard Gnesa, Sonderbotschafter für internationale Migrationszusammenarbeit EDA: «Die interationale Zusammenarbeit ist nötiger denn je, insbesondere im Bereich der Migration und Sicherheit. Man muss sich aber darauf einstellen, dass es länger braucht, um wirksame Lösungen zu finden und umzusetzen, als man es sich wünscht.»

Beat Stauffer, Journalist und Maghreb-Experte: «Zu den Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten kommen noch Millionen von Menschen aus Nord- und Westafrika sowie aus den Sahelstaaten, die ihre Lage als aussichtslos empfinden. Gelingt es nicht, diese Migrations- und Flüchtlingsströme zu steuern, so ist zu befürchten, dass Europa nicht nur seinen Wohlstand, sondern auch viele seiner Errungenschaften verliert.»

Kurt Pelda, Kriegsreporter und Syrien-Experte: «Das Fatale ist: man redet nur noch über Teilprobleme und in ideologischen Extremen. Anstatt die Situation zu analysieren und ohne Scheuklappen Lösungen zu suchen.»

Kurt Spillmann, emerit. Professor für Sicherheitspolitik und Konfliktforschung ETH Zürich: «Ohne gewisse Härte bringen wir unsere eigene Gesellschaft und unseren Staat mit seinen stabilen Institutionen in Gefahr.»

Beiträge

  • Karin Frei stellt die Gästerunde vor

    Karin Frei diskutiert mit Journalisten, einem Konfliktforscher, einem Vertreter des Bundes und des Schweizerischen Roten Kreuzes über Ursachen und Lösungen rund um die aktuellen Flüchtlingsbewegungen.

  • Markus Mader, Direktor SRK, ehem. IKRK-Delegierter

    Der ehemalige IKRK-Delegierte plädiert für noch mehr Hilfe vor Ort und in den Nachbarländern der krisenbetroffenen Staaten. Noch würden nicht genug Mittel zur Verfügung stehen, um jenen Staaten zu helfen, die nebst der Flüchtlingsproblematik auch noch mit eigenen innerstaatliche Problemen zu kämpfen hätten.

  • Eduard Gnesa , Sonderbotschafter internat. Migrationszus.arbeit

    Der Journalist Kurt Pelda sagt, dass es aus afrikanischen Staaten auch immer mehr Flüchtlinge geben würde, die in ihren Ländern nicht an Leben und Leib gefährdet sind. Auch die heutigen syrischen Flüchtlinge seien heute zu einem Teil Menschen, die in der Türkei gelebt hätten, und nicht mehr im Kriegsland Syrien selber. Edouard Gnesa erklärt, wie die Schweiz mit diesen Flüchtlingen aus sicheren Drittstaaten umgehen will.

  • Beat Stauffer, Journalist und Maghreb-Experte

    Der Maghreb-Experte kritisiert die Signale, die Europa im Moment aussenden würde. Die Anreize seien zu gross für Flüchtlinge, die kein Anrecht auf Aufnahme hätten. Er präsentiert Lösungsvorschläge, wie man auch jenen Menschen helfen kann, ohne dass diese Grenzzäune überwinden müssten. Und ohne ein gewisses Mass an Repression könne man die Flüchtlingsströme nicht eindämmen.

  • Kurt Pelda, Kriegsreporter und Syrien-Experte

    Der Journalist warnt bereits vor einer weiteren Flüchtlingswelle. Diese würde aus Libyen kommen. Europa müsse sich zusammentun, um diesen Problemen einigermassen Herr zu werden. Eine richtige "Triage" aller Flüchtlinge sei das A und O einer überschaubaren Flüchtlingspolitik. Noch seien die Signale aus Europa falsch.

  • Kurt Spillmann, Konfliktforscher, Sicherheitsexperte

    Der Konfliktforscher warnt vor einer Destabilisierung Europas. Europa müsse seine Errungenschaften schützen, diese würden von den Flüchtlingsströmen ernsthaft gefährdet. Im Kampf gegen die Flüchtlingsströme müsse man auch mit den Regierungen der betroffenen Staaten in Kontakt treten. Doch gerade die Beispiele Libyen oder Irak würden zeigen, dass man nach dem Fall der Diktatoren häufig Mühe hat zu erkenne, wer nun der richtige Ansprechpartner sei. Libyen sei z.B. heute ein sehr heterogenes Konstrukt.

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