Sterbehilfe auch für Gesunde

  • Dienstag, 6. Mai 2014, 22:20 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 6. Mai 2014, 22:20 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 7. Mai 2014, 1:35 Uhr, SRF 1
    • Mittwoch, 7. Mai 2014, 11:00 Uhr, SRF info
    • Donnerstag, 8. Mai 2014, 3:55 Uhr, SRF 1
    • Donnerstag, 8. Mai 2014, 12:45 Uhr, SRF info

Exit will die Sterbehilfe ausweiten. Betagte sollen autonom entscheiden können, wann für sie die Zeit gekommen ist, auch die gesunden. Die Gegner befürchten, dass Sterben zum Lifestyle verkommt. Alte könnten unter Druck geraten, vorzeitig gehen zu müssen. Der Altersfreitod scheidet die Geister.

Die Sterbehilfe boomt. Damit wachsen auch die Begehrlichkeiten zu mehr Selbstbestimmung. Stand einst das Recht zum begleiteten Suizid nur Menschen mit einer unheilbaren Krankheit im Endstadium zu, wurde es im Laufe der Jahre auf psychisch Kranke ausgeweitet. Neu soll es auch alten Menschen gewährt werden, die wegen ihrer Gebrechen nicht mehr leben wollen. Aber auch solchen, die noch rüstig sind, jedoch mit dem Leben abgeschlossen haben. Das ergab eine Umfrage unter den 70'000 Exit-Mitgliedern. Für den Grossteil von ihnen ist die Zeit reif, das Selbstbestimmungsrecht auf den eigenen Tod auszuweiten. «Ein betagter Mensch entscheidet sich nach gelebtem Leben fürs selbstbestimmte Sterben, unabhängig vom Gesundheitszustand», lautet die Utopie.

Der Altersfreitod provoziert eine Gesellschaftsdebatte. Wollen die einen den lieben Gott aus dem Entscheidungsprozess ausklammern, warnen die andern davor, ihm ins Handwerk zu pfuschen. Sie befürchten einen moralischen Dammbruch. Sterbehilfe auch für Gesunde könne zum Lifestyle ausarten. Andererseits entstünde für Betagte, die natürlich sterben wollen Druck, weil sie der Gesellschaft "unnötig" lange zur Last fielen. Kommt der Tag, an dem das tödliche Medikament in der Apotheke bezogen und bei Bedarf eingenommen werden kann? Im «Club» diskutiert Karin Frei mit Befürwortern und Gegnern.

Marion Schafroth, Ärztin, Vorstandsmitglied Exit
Frank Mathwig, Ethiker Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund
Roland Kunz, Chefarzt Palliativmedizin und Geriatrie Spital Affoltern
Gustave Naville, ehem. Gymnasiallehrer, Exit-Mitglied, engagiert für Altersfreitod
Judith Giovannelli-Blocher, Sozialarbeierin und Buchautorin

Positionen der Gäste

Marion Schafroth: «Der Altersfreitod auch ohne tödliche Krankheit ist bereits jetzt gängige Praxis. Mit dem Engagement für den Altersfreitod stossen wir eine Gesellschaftsdebatte an: Wir wollen die Akzeptanz für einen erleichterten Zugang zum Sterbemittel im Alter erhöhen und rechtlich abstützen. Freitodhilfe ist für mich eine Extremform, Leiden zu lindern - ein Akt von grösster Humanität.»

Frank Mathwig: «Wir leben in einer Versicherungsgesellschaft. Alles und jedes wollen wir versichern. Wer das nicht macht, gilt als fahrlässig. Das soll jetzt auch fürs Sterben gelten. Es ist dekadent und fantasielos, wenn selbst das letzte Geheimnis des Lebens zum Gegenstand unserer Risikokalkulationen wird.»

Roland Kunz: «Mich interessieren die gesellschaftlichen Dimensionen des Alterssuizids. Alte erfahren oft eine Geringschätzung. Das Engagement für die Schwachen schwindet. Zu schnell wird gesagt, die Alten könnten sich ja das Leben nehmen. Wir müssen aufpassen, was wir mit dem Versprechen auf Selbstbestimmung bis in den Tod bei den Menschen auslösen.»

Gustave Naville: «Als vernünftiger Mensch will ich sterben können, wann ich es entscheide. Nicht als Pflegefall, sondern hoch erhobenen Hauptes und in Würde. Zum autonomen Entschluss gehört auch Selbstverantwortung. Ich will keinen einsamen Suizid, sondern einen im Einverständnis mit der Familie geplanten und begleiteten Altersfreitod.»

Judith Giovannelli-Blocher: «Ich lebe in einem Dilemma, was richtig oder falsch ist. Ich bin für Selbstbestimmung. Jeder Mensch darf über seinen Tod bestimmen. Ich mache mir aber auch Sorgen, wie sorglos heute mit dem Leben umgegangen wird. Wir haben gelernt, länger zu leben, aber nicht, wie man es beendet.»

HINWEIS
Artikel zu dieser Sendung bei «Puls»
Sexualerziehung: Alle wollen das Gleiche – nur anders

Beiträge

  • Karin Frei

    Die Kernfrage und die Gäste der Sendung:

  • Judith Giovannelli-Blocher

    Was die Gesellschaft so altersfeindlich macht:

  • Gustave Naville

    Warum zur Selbstbestimmung auch Selbstverantwortung gehört:

  • Roland Kunz

    Beim Entscheid für oder gegen den begleiteten Freitod können auch Angehörige Druck ausüben:

  • Marion Schafroth

    Ist es der Beginn der Barbarei, Betagte immer früher sterben zu lassen?

  • Frank Mathwig

    Warum eine von Versicherungsmentalität geprägte Gesellschaft moralisch Einfluss nimmt:

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