Das Sonnentempler-Drama

Video «Das Sonnentempler-Drama» abspielen
Video nicht mehr verfügbar

Das Sektendrama um den «Ordre du Temple Solaire» gilt als einer der bizarrsten Fälle der Schweizer Kriminalgeschichte. Allein in der Schweiz kamen 1994 in Cheiry (FR) und Salvan (VS) 48 Mitglieder der Sonnentempler-Sekte ums Leben. Heute steht fest, dass die meisten von ihnen ermordet wurden.

Ein Film von Felice Zenoni

Erstmals zu sehen sind in diesem «DOK» exklusive Filmaufnahmen und Fotos des Sektenführers Jo di Mambro. Zu den Hauptverdächtigen gehörte der Schweizer Dirigent und Komponist Michel Tabachnik. Was ist aus ihm geworden?

Die Geschichte beginnt Ende der 70er-Jahre in der Umgebung von Genf. Auf einem Landgut versammelt der gebürtige Franzose Jo di Mambro Menschen um sich, mit denen er die Sonnentempler-Sekte gründet. Vor allem in der Westschweiz findet der vorbestrafte Bijoutier Anhänger seines abstrusen Gedankenguts. Di Mambro prophezeit das baldige Ende der Welt. Seinen Glaubensbrüdern verspricht er den rechtzeitigen Transit auf den Stern Sirius, verbunden mit der dortigen Wiedergeburt. Bis in die 90er-Jahre wächst die Sekte auf über 500 Mitglieder an. Ableger bilden sich auch in Frankreich und Kanada. Zu den Gründungsmitgliedern zählt der international bekannte Schweizer Musiker und Dirigent Michel Tabachnik. Für ihn endet das Sonnentempler-Drama zweimal vor französischen Gerichten. Der Ausgang der Strafverfahren bleibt für ihn jedoch ohne Folgen. Noch 2006 äussert er sich öffentlich über seine umstrittene Rolle innerhalb der Sekte. Heute zieht er es nun vor, ganz darüber zu schweigen.

Die Sekte riss 74 Menschen in den Tod

Der Film rekonstruiert das Drama der Sonnentempler von den Anfängen bis zum Ende. Insgesamt hat die Sekte 74 Menschen in den Tod gerissen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie es überhaupt zu einer solchen Tragödie kommen konnte. Von Sektenführer Jo di Mambro, der die Öffentlichkeit scheute, waren bis jetzt nur einige wenige Fotos bekannt. Erstmals ist auch ein Sektenvideo von Di Mambro beim Zelebrieren eines Rituals zu sehen.

Mit den Kriminalbeamten, die 1994 in Cheiry (FR) und Salvan (VS) im Einsatz standen, kehrt Autor Felice Zenoni an die Orte des sinnlosen Massakers zurück. Der damalige Freiburger Untersuchungsrichter André Piller und Robert Steiner, Chef der Walliser Kriminalpolizei, erinnern sich an die irreale Szene, als sie unerwartet und unvorbereitet auf die vielen Leichen stiessen. Alle damals im Einsatz stehenden Polizisten waren fassungslos. Nicht ein Einziger des Einsatzteams hat später in seiner Karriere Schlimmeres gesehen.

Besserer Schutz der Opfer von Sekten

Fast zwanzig Jahre nach dem Sonnentempler-Drama, versuchen die Opferfamilien mit dem Schicksal fertig zu werden. Der Weg zurück in die Normalität bleibt für alle schwierig. Vier Familienmitglieder hat die Waadtländerin Rosemarie Jaton verloren: ihren Bruder, ihre Schwägerin, ihren Neffen und ihre Nichte. Auf eigene Faust hat sie Fakten zum Fall zusammengetragen und ihre Erkenntnisse im Buch «En quête de vérité» (Die Suche nach der Wahrheit) veröffentlicht. Der Film schildert ihren ganz persönlichen Kampf um Gerechtigkeit, verbunden mit ihrem Einsatz für einen besseren Schutz der Opfer von Sekten.

Strafrechtsprofessor Christian Schwarzenegger erörtert, warum das Sekten-Drama in Frankreich schärfere Gesetze zur Folge hatte und warum sich in der Schweiz nichts bewegt hat. Zusammen mit dem Sekten-Experten Hugo Stamm geht der Film auch der Frage nach, was aus den überlebenden Sonnentemplern geworden ist.