Der rote Fritz – Auf Spurensuche in revolutionärer Zeit

Er kämpfte sein Leben lang für einen Traum: die sozialistische Weltrevolution. Fritz Platten, die schillernde und überaus populäre Figur der Schweizer Arbeiterbewegung. Sein Ende: erschossen in einem Straflager Stalins. Er wurde Opfer eines Systems, an dessen Aufbau er sich beteiligt hatte.

Ein Film von Helen Stehli Pfister

Der Nationalrat und Mitbegründer der Kommunistischen Partei der Schweiz half Lenin mitten im ersten Weltkrieg aus der Schweiz in die Heimat zurückzukehren. 1917 organisierte Platten die riskante Zugfahrt des Bolschewistenführers aus dem Zürcher Exil ins revolutionäre Russland. 1923 verliess der radikale Revolutionär selbst die Schweiz, um in der jungen Sowjetunion am sozialistischen Aufbau mitzuhelfen. Der Film gibt Einblick in die abenteuerliche Biographie Fritz Plattens und in die Misere der Arbeiterschaft rund um den ersten Weltkrieg. Und er zeigt, weshalb jene Zeit den Sozialstaat Schweiz nachhaltig geprägt hat.

Legendäre Zugreise im plombierten Wagen

Im Film begibt sich Kathrin Winzenried auf Spurensuche in jene Zeit, die von grosser Not der Arbeiterschaft geprägt war, und in der die sozialistische Utopie einem grossen Teil der Schweizer Arbeiterbewegung greifbar nahe schien. Mit der Historikerin Annette Frei-Berthoud, mit dem Historiker Peter Huber und attraktivem filmischem Archivmaterial leben die Jahre auf, als in den Gassen der Zürcher Altstadt mit Lenin und anderen russischen Emigranten das Feuer des revolutionären Geistes einzog und Fritz Platten ergriff. Schon bald war Platten klar, dass er sich von den Sozialdemokraten abwenden und den kommunistischen Theorien Lenins zuwenden würde. Nur wenig später organisierte er als Vertrauter Lenins die legendäre Zugreise des Bolschewistenführers im plombierten Wagen aus dem Schweizer Exil zurück nach Russland – zur Oktoberrevolution.

Platten kehrt der Schweiz den Rücken

Die kommenden Jahre waren schwierig für Fritz Platten. Nach dem Landesstreik war er wie viele andere linke Sozialdemokraten frustriert ob der Kompromisse, die die Streikleitung eingegangen war. Platten wollte mehr. Er hatte bis zu seinem Tode die proletarische Weltrevolution vor Augen, war 1921 deshalb eines der Gründungsmitglieder der KPS, sah seine eigene Zukunft aber in der jungen Sowjetunion. 1923 wanderte der mittlerweile glühende Kommunist mit 100 Schweizer Gesinnungsgenossen nach Russland aus, um in einem Dorf in der Wolgagegend am sozialistischen Aufbau mitzuhelfen. Noch heute erinnern sich dortige Dorfbewohner an den Schweizer, den sie wie einen Helden verehren. Ab Ende der 20er Jahre unterrichtete er am Moskauer Fremdspracheninstitut. Der russische Historiker Alexander Vatlin macht Kathrin Winzenried mit Plattens Moskauer Leben bekannt. In Russland war Platten nicht nur berühmt als überzeugter Kommunist und Anhänger Lenins, sondern auch als charmanter Frauenheld.

Tod im Straflager

Doch dann ereilte den Schweizer Kommunisten unter Stalin in der Sowjetunion ein grausames Schicksal. Der Mitstreiter Lenins wurde unter fadenscheinigem Vorwand verhaftet und in ein Gulag- Straflager im Norden Russlands deportiert. Dass Fritz Platten im hohen Russland noch heute sogar den Schülern bekannt ist, erfährt Kathrin Winzenried bei ihrem Besuch im Niemandsland des kleinen Dorfes Njandoma, in dessen Nähe sich das Straflager befand, in dem Fritz Platten 1942 erschossen wurde.

In der Schweiz geriet Fritz Platten in Vergessenheit. Die radikalen Forderungen , für die er 1918 im Landesstreik einstand, blieben in Erinnerung. Die 48 Stunden Woche, die AHV, sie stiessen zwar vorerst auf taube Ohren des Bürgertums. Doch sie bereiteten den Boden für spätere Verfassungsreformen. Der Sozialstaat Schweiz geht nicht zuletzt auf Männer wie Platten zurück, die für ihre Ideen kämpften – und bereit waren dafür zu sterben.

Im Film verwendete Fotos:
© Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich / Bundesarchiv Bern / Panoptikum zur Sozialgeschichte / Schweizerisches Sozialarchiv/ Universitätsbibliothek Basel

Archivfilme:
«Schweizer Armee 1914-1918», Quelle: Armeefilmdienst
«1917: Demonstrationen in Zürich und Bern gegen die Teuerung». Quelle: Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB)

Der rote Fritz