Der steile Weg nach Sotschi

Die Olympischen Winterspiele in Sotschi sind das grösste Prestigeprojekt Russlands seit dem Ende der Sowjetunion. Es sind auch die Spiele des Präsidenten Wladimir Putin.

Ein Film von Christof Franzen

Er war von Anfang an die treibende Kraft hinter diesem Projekt. Rund 50 Milliarden Franken sind ihm die Spiele wert. Viermal mehr als anfangs budgetiert – auch weil Milliarden im Korruptionssumpf verschwanden. Fast die ganze olympische Infrastruktur musste aus dem Boden gestampft werden: Eine Machtdemonstration gegenüber Volk und Natur. Putin und seine Elite wollen Russland als modernen Staat zeigen, der solchen Grossanlässen gewachsen ist. Zudem will das Land dank der neuen Infrastruktur zukünftig wieder zur Grossmacht im Wintersport werden. Die Zeit drängt aber – mitunter sind bis zu 80’000 Arbeiter auf den Baustellen. Oft unter harten Bedingungen und miserablen Löhnen.

So riesig die investierten Gelder auch sind: es bleiben grosse Risiken für die Olympischen Spiele.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele hat DOK drei Menschen begleitet – die alle auf ihre Art diese Risiken aber auch die Chancen dieser Olympischen Spiele symbolisieren.

Bruno Jelk, Bergrettungs-Chef aus Zermatt, war letzten Winter in den Bergen des westlichen Kaukasus – als Ausbildner und Berater im Lawinen-Dienst. Während der vorolympischen Testwettkämpfe haben wir Jelk bei dieser anspruchsvollen Aufgabe begleitet - bei teils äusserst garstigen Wetterbedingungen. In vielem unterscheidet sich die Arbeit zu Zermatt. Die Schnee- und Wetterbedingungen ändern hier schneller. Und Dynamit für Sprengungen ist verboten wegen der Terrorismusgefahr. Schlechtes Wetter könnte zum grössten Problem der Spiele werden, sagt Jelk.

Magomed Gassanow wohnt in einem abgelegenen Bergdorf im Osten Dagestans – dem anderen Ende des Kaukasus. Sein Dorf leidet wie die ganze russische Teil-Republik unter den Folgen bürgerkriegsähnlicher Ausschreitungen. Investitionen bleiben aus; die Teil-Republik hängt am Tropf Moskaus. Bei unserem Besuch sind bereits zwei Dutzend Männer des Dorfes zu den olympischen Baustellen nach Sotschi abgereist. Auch Magomed Gassanow macht sich auf die Fahrt. Wir begleiten ihn. Prompt treffen wir auf einen Terroranschlag in der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala; wir sehen aber auch den trügerischen neuen Glanz der noch vor einem Jahrzehnt völlig zerstörten tschetschenischen Hauptstadt Grosny und bekommen die Tücken eines Roadtrips auf russischen Strassen hautnah mit.

Alexandra Rodionowa ist eine sibirische Renn-Rodlerin. Sie kämpft um einen Startplatz in Sotschi. Der Druck auf sie und alle anderen russischen Athletinnen und Athleten ist riesig. Mitunter schaut auch schon mal Präsident Wladimir Putin beim Training vorbei. Sotschi ist für die bald 30jährige Athletin wohl die letzte Chance auf eine Goldmedaille. Aber es wird bereits in der Qualifikationsphase schwierig für sie. Jüngere Teamkolleginnen machen mächtig Druck und Rodionowa hadert mit ihrem Schlitten.

Fragen zu diesen Spielen sind berechtigt.

Sotschi liegt in den Subtropen, am Schwarzen Meer, auf dem Breitengrad von St.Tropez. Das neue Skigebiet im nahegelegenen Kaukasus ist klimatisch geprägt von Wetterkapriolen. Auch im Februar während der Spiele ist alles möglich: Frühlingshafte Temperaturen aber auch meterweise Neuschnee in kürzester Zeit oder starker Regen.

Sportlich gesehen sind die russischen Athleten zum Siegen verdammt. Ein Fiasko wie vor vier Jahren in Vancouver, diesmal vor eigenem Publikum, käme einer nationalen Schande gleich und würde viel vom erhofften Schwung wegnehmen, den die olympischen Spiele der Nation geben sollen.

Vor allem aber muss sich der Kreml gegen Terrorgefahr wappnen. Die Konflikt-Regionen des Nord-Kaukasus wie Tschetschenien oder Dagestan liegen ein paar Hundert Kilometer entfernt. Dort starben 2013 fast fünf Hundert Menschen bei Kampfhandlungen oder Terroranschlägen. Islamistische Fundamentalisten stehen korrupten und brutalen Regierungstruppen gegenüber. Eine Gewaltspirale. Immer wieder wurde der Terror in den letzten Jahren auch in die russischen Städte getragen – zuletzt erst vor wenigen Wochen in Wolgograd. Ein Terroristen-Führer hatte im Sommer zu Anschlägen auf die olympischen Spiele aufgerufen.