Die Affäre Conradi – Der Attentäter, Russland und die Schweiz

  • Mittwoch, 29. März 2017, 22:55 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Mittwoch, 29. März 2017, 22:55 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Donnerstag, 30. März 2017, 5:10 Uhr, SRF 1
    • Montag, 3. April 2017, 11:15 Uhr, SRF 1

Ein brisanter Politkrimi aus bewegter Zeit. Im Mai 1923 erschiesst Moritz Conradi in Lausanne einen hochrangigen Sowjetdiplomaten. Der Russlandschweizer mit Bündner Wurzeln sieht sich als neuer Wilhelm Tell, der die Menschheit von den Kommunisten befreien will.

Ein Film von Helen Stehli Pfister

Der Grossvater von Moritz Conradi wandert 1855 aus dem Bündner Dorf Andeer in die Hauptstadt des russischen Zarenreichs St. Petersburg aus, gründet dort eine Schokoladenfabrik und wird reich. Moritz wird 1896 in St. Petersburg als Sohn einer begüterten und angesehenen Familie geboren. Doch schon bald wird seine sorglose Jugend beendet. Im Verlauf der Russischen Revolution von 1917 verliert die Familie Conradi ihren ganzen Besitz. Der Onkel von Moritz wird erschossen, sein Vater stirbt an den Folgen von Hunger. Der junge Moritz Conradi wird zum glühenden Antikommunisten. Im Russischen Bürgerkrieg (1917-1921) kämpft er als Leutnant mit den Truppen der Weissen Armee gegen die Rote Armee der Bolschewiki. 1921 flieht er in die Schweiz – und wird zum Attentäter. Im Mai 1923 erschiesst Conradi in einem Lausanner Nobelhotel den sowjetischen Spitzendiplomaten Watzlaw Worowski. Nach der Tat ruft er «ich bin der neue Wilhelm Tell, ich habe einen dieser roten Hunde erschossen».

In jenen Jahren ist die Stimmung in der Schweiz stark antikommunistisch. In einem Prozess, der international riesiges Aufsehen erregt, wird Conradi vom Lausanner Geschworenengericht freigesprochen. Ein Skandal im In-und Ausland. Die aussenpolitischen Folgen des Racheakts sind für die Schweiz gravierend. Der Mord und der Freispruch des Attentäters belasten die Beziehungen zwischen der Schweiz und der Sowjetunion schwer. Der Kreml ist wütend, bricht bis 1946 die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Schweiz ab.

Am Ende des 2. Weltktriegs aber hat die Eidgenossenschaft ein Verhandlungspfand. In den letzten Kriegsmonaten sind 10'000 Sowjetsoldaten, die aus deutschen Gefangenenlagern geflohen sind, in der Schweiz interniert. Moskau verlangt ihre Rückschaffung. Die Schweiz ihrerseits will jetzt endlich die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion aufnehmen. Man einigt sich. Die Kriegsgefangenen werden ausgeschafft, 1946 wird in Moskau die Schweizer Botschaft eröffnet.

Moritz Conradi, der hoch hinaus wollte, fällt tief. Der Attentäter lebt nach seinem Freispruch unstet und unruhig, jahrelang in der Fremdenlegion. Die Wiederaufnahme der Beziehungen hat der erbitterte Antikommunist gerade noch miterlebt. Moritz Conradi stirbt 1947 fast unbemerkt 51-jährig in Chur.

Dokumentarfilmerin Helen Stehli Pfister lässt in ihrem Film dieses nahezu vergessene, spannende Kapitel Schweizer Geschichte aufleben mit aufwendig nachgestellten Szenen, Gesprächen und Perlen aus schweizerischen und russischen Film- und Fotoarchiven. Der Film zeigt die Orte des Geschehens in St. Petersburg, Lausanne, Moskau, Genf und Chur, die den Attentäter Conradi prägten und in denen sich die diplomatisch-politische Affäre zwischen der Schweiz und der Sowjetunion abspielte.

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