Schmutzige Geschäfte: Illegaler Handel mit Elfenbein und Nashorn

Die Elfenbeinmafia macht gigantische Geschäfte. Geht die Wilderei in diesem Tempo weiter, wird es in 15 Jahren keine Elefanten in freier Wildbahn mehr geben, in zehn keine Nashörner und in fünf keine Tiger. Ein Gespräch mit Filmer Jakob Kneser über das perverse Kalkül der Wildtierschmuggler.

Video «Der letzte Raubzug» abspielen

Der letzte Raubzug

51 min, aus DOK vom 16.9.2015
Zusatzinhalt überspringen

Zur Person

Zur Person

Jakob Kneser realisiert Dokumentarfilme für ARD, ZDF, 3sat und arte. Seine Dokumentation «Schwärme – die Intelligenz der Massen» gewann international Preise. Kneser lebt mit seiner Familie in Bonn.

SRF DOK: Guten Tag Herr Kneser! Offen gestanden: Ich dachte, das Thema Elfenbeinschmuggel hätten wir längst hinter uns…

Jakob Kneser: ... das dachte ich auch. Bei mir hat’s Ende 2011 klick gemacht – da las ich in einer Zeitschrift von Greenpeace einen Artikel über Wilderei im Tschad. Es ging mir wie Ihnen. Ich dachte, das Thema kenne ich doch von früher! Aber ich musste feststellen, das ist leider überhaupt nicht so. 1989 wurde der internationale Handel mit Elfenbein verboten und die Wilderei ist darauf auch extrem zurückgegangen, die Preise zerfielen.

Aber dann passierte so etwas wie ein Sündenfall: Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES erlaubte Staaten im südlichen Afrika den einmaligen Verkauf von legalem Elfenbein – also solches von normal gestorbenen Elefanten – an Japan, später dann an China. Was passiert ist: Diese Verkäufe kurbelten die Nachfrage nach Elfenbein wieder an, und so sprang auch die Wilderei und der illegale Handel wieder an, und zwar rasant.

Kadaver eines Elefanten Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In den letzten zehn Jahren hat Zentralafrika 65 Prozent seiner Elefantenpopulation verloren. a&o buero und Real to Reel

Von welchen Dimensionen sprechen Sie, wenn Sie von illegalem Handel mit Elfenbein reden?

Das ist gar nicht einfach zu beziffern, die Schätzungen gehen relativ weit auseinander. Realistisch ist eine Zahl von 35‘000 getöteten Elefanten pro Jahr. Man kann also sagen, dass alle 15 Minuten ein Elefant für sein Elfenbein getötet wird.

Interpol nennt den Faktor 10 – also dass die tatsächliche von Polizei und Zollbehörden beschlagnahmte Menge ums zehnfache hochgerechnet werden muss, da nur ein Bruchteil des geschmuggelten Elfenbeins von den Ermittlern entdeckt wird.

Wilderei und illegalen Handel gab es zwar schon immer, völlig neu aber ist die industrielle Dimension und die Beteiligung von internationalen Syndikaten und Kartellen. Wenn die Wilderei in diesem Tempo weitergeht, wird es in 15 Jahren keine Elefanten mehr in freier Wildbahn geben. Nashörnern geben die Experten sogar nur noch zehn Jahre und Tigern nicht mehr als fünf.

«  Wenn Wilderer oder Schmuggler überhaupt gefasst werden, dann kommen sie oft mit relativ milden Strafen davon. »

Und finanziell, von welchem Umsatz geht man aus?

Man rechnet, dass mit dem Handel von Wildtieren 20 Milliarden Dollar Umsatz gemacht wird, jährlich. Damit ist nur noch der illegale Drogen- und Waffenhandel umsatzstärker. Man weiss heute, dass es organisierte Verbrecherkartelle sind, die den Handel mit Elfenbein und Nashorn kontrollieren. Dieser Handel ist für Kartelle und Syndikate so verlockend, weil die Gewinnmargen gigantisch sind – viel höher als in den anderen illegalen Branchen. Gleichzeitig ist das Risiko für die Verbrecher deutlich geringer als beim illegalen Handel mit Waffen, Drogen oder Menschen. Wenn Wilderer oder Schmuggler überhaupt gefasst werden, dann kommen sie oft mit relativ milden Strafen davon – oder mit einer niedrigen Kaution wieder auf freien Fuss.

Wer sind die Käufer?

Elfenbein und Nashorn haben eine ganz unterschiedliche Käuferschaft. Das Horn vom Nashorn boomt gerade als medizinisches Produkt in Vietnam.

«  Es sind nicht nur die Superreichen, die Nashorn kaufen.  »
Im Krüger-Nationalpark werden jeden Tag zwischen ein und zwei Nashörner getötet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Krüger-Nationalpark werden jeden Tag zwischen ein und zwei Nashörner getötet. a&o buero und Real to Reel

Warum denn das?

Dem Horn von Nashörnern wird in der traditionellen Medizin seit Jahrhunderten eine magische Wirkung zugeschrieben, es soll gegen verschiedene Leiden helfen, wie zum Beispiel gegen Bluthochdruck oder Fieber.

Der ungeheure Nachfrageboom in den letzten Jahren geht aber vor allem auf eine merkwürdige Geschichte zurück: Ein hoher vietnamesischer Politiker oder Militärangehöriger soll im Fernsehen gesagt haben, dass er sein Krebsleiden mit Nashorn geheilt habe. Das Interessante ist jetzt: Ich habe bei unseren Dreharbeiten in Vietnam alle möglichen Gesprächspartner nach dem Namen dieses Mannes gefragt – keiner konnte ihn mir nennen, gleichzeitig kennen aber alle diese Geschichte! Es ist also ein urbaner Mythos, wahrscheinlich wurde er gezielt von den Verbrecherkartellen lanciert und gestreut, damit der Absatz steigt. Und die Strategie geht leider auf.

Es sind übrigens nicht nur die Superreichen, die Nashorn kaufen. Viele ganz normale Menschen veranstalten Käuferpartys, bei denen sie Geld zusammenlegen, um sich etwas Nashorn kaufen zu können. Für den Fall der Fälle. Aber auch als mögliche Investition, wie Gold. Die Preise steigen enorm.

Weil die Nachfrage steigt?

Ja, durch den Hype steigt die Nachfrage. Die Leute können also davon ausgehen, dass sie ein Stück Horn immer mit Gewinn verkaufen werden. Ausserdem werden Nashörner durch die Wilderei immer seltener, das letzte Nashorn in Vietnam selbst wurde im Jahr 2010 geschossen, seitdem sind Nashörner dort ausgerottet. Wie in vielen anderen asiatischen Staaten auch. Auch in Afrika gehen die Bestände rapide zurück – und das heisst natürlich auch, dass die Preise weiter ansteigen werden.

Für ein Kilo Nashorn-Horn muss man in Vietnam zurzeit zwischen 50'000 und 60.000 US-Dollar auf den Tisch legen. Im Jahr 2006 waren es noch etwa 800 Dollar! Ein komplettes Horn wiegt so um die 4 bis 5 Kilo, ist also auf dem Verbraucher-Markt um die 250'000 Dollar wert. Gold oder Kokain können da nicht mithalten. Auch beim Elfenbein sind die Preise in den letzten Jahren dramatisch gestiegen: Ein Kilo Elfenbein kostet in Asien heute um die 6'500 Dollar, doppelt so viel wie noch 2011.

«  Die Frage ist also: Wo ist all das restliche Elfenbein, wer hat es? »

Zentrum des Elfenbeinhandels – die chinesische Boomtown Guangzhou

0:49 min, vom 15.9.2015

Ist es tatsächlich so, dass Elfenbein zu einem neuen Spekulationsobjekt wird?

Die Hinweise sind erdrückend. Man kann es sich nicht anders erklären. Was in China an Elfenbein auf den Markt kommt, ist nur ein Bruchteil der Menge, die tatsächlich ins Land geschmuggelt wird. Die Frage ist also: Wo ist all das restliche Elfenbein, wer hat es? Es gibt eigentlich keine andere Erklärung als die, dass Elfenbein in grossem Stil gehortet wird. Unter ökonomischen Gesichtspunkten macht das durchaus einen perversen Sinn. Das Kalkül ist: Wenn es irgendwann keine Tiere mehr gibt, dann wird dieses gehortete Elfenbein noch viel mehr wert sein.

Gibt es auch Hinweise, dass die Erlöse in die Terrorfinanzierung fliessen?

Ja, man weiss, dass Terror- und Rebellenorganisationen in Afrika beim Handel mit Elfenbein mitmischen – ähnlich wie es in den 90er Jahren mit den Blutdiamanten der Fall war. Nachweislich finanziert sich beispielsweise Joseph Konys Lords Resistance Army (LRA), die im Grenzgebiet von Uganda und Kongo operiert, zu einem guten Teil durch Wilderei und Schmuggel von Elfenbein. Auch die somalische Al Shabaab-Miliz ist offenbar in den Elfenbeinschmuggel involviert. Noch beunruhigender ist, dass nicht nur Rebellengruppen und kriminelle Organisationen, sondern auch staatliche Milizen involviert sind, vor allem im zentralen Afrika.

Afrikanische Ranger Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Arbeit der afrikanischen Ranger wird immer gefährlicher. Oft sind sie den gut bewaffneten Wildererbanden unterlegen. a&o buero und Real to Reel

Es gab bestimmt viele Leute, die keine Freude hatten an Ihren Recherchen. Gab es gefährliche Situationen während der Dreharbeiten?

Gefährlich war es potentiell immer, weil wir viel, auch zu Fuss, im Busch unterwegs waren in Gegenden, die von Wilderern heimgesucht werden. Allerdings waren wir in der Regel in Begleitung von bewaffneten Rangern, so dass ich mich einigermassen sicher und gut beschützt fühlte – vor Banditen, Wilderern und auch wilden Tieren. Aber natürlich, wir hätten jederzeit auf bewaffnete Wilderer stossen können, und da wird in der Regel nicht lange geredet sondern gleich geschossen. Zum Glück ist das nicht passiert.

Zusatzinhalt überspringen

Rekordfund in Zürich

Ob gegen die Schmuggler in China oder Tansania ein Strafverfahren eröffnet wird und welches Strafmass allenfalls droht, ist laut EDI Sache der Behörden vor Ort. In der Schweiz sieht das Gesetz bei schweren Fällen des Wildtierschmuggels eine Geldstrafe von bis zu einer 1 Mio Fr. oder Gefängnis von bis drei Jahren vor. mehr...

Am Flughafen in Zürich wurden neulich 260 Kilogramm Elfenbein sichergestellt. Drei Chinesen wollten es von Afrika via Zürich nach Peking schmuggeln. Die Chinesen kamen laut Schweizer Polizei frei, sind wieder in China, obschon hohe Geld- oder sogar Gefängnisstrafen drohen.

...erstaunlich. Das zeigt: die Bekämpfung von Wildtierschmuggel ist generell zu wenig konsequent. Was die Behörden in die Bekämpfung von Drogenhandel stecken ist um das Vielfache höher.

«  Ein Bewusstseinswandel braucht Zeit und genau die rennt uns davon. »

Jakob Kneser, wie geht es weiter? Wird die Wilderei aufhören oder weitergehen, wie schätzen Sie es ein?

Ach, schwierig. Je nach Tagesform antworte ich da anders. Offen gesagt, bin ich eher pessimistisch. Aber wenn ich nicht zumindest die Möglichkeit sehen würde, das Steuer herumzureissen, hätte ich den Film gar nicht erst gemacht. Und es gibt tatsächlich auch Lichtstreifen. In Japan zum Beispiel war der Besitz von Elfenbein mal ein Statussymbol. Heute interessiert das dort kaum noch jemand, es ist vorbei.

Dafür boomt der chinesische Markt. Aber auch da gibt es ermutigende Dinge, zum Beispiel die Tatsache, dass sich Berühmtheiten wie Jackie Chan an Kampagnen gegen den Handel mit Elfenbein, Nashorn-Horn und Tigerteilen beteiligen und versuchen, in China einen Bewusstseinswandel in Gang zu setzen.

Allerdings: Ein Bewusstseinswandel braucht seine Zeit – und genau die rennt uns davon. Deswegen muss auf allen Ebenen gehandelt werden: Der illegale Handel mit Tierteilen muss als schweres internationales Verbrechen ernst genommen und entsprechend bekämpft werden – denn Kriminelle wird man nicht durch Aufklärungskampagnen beeindrucken können. Ausserdem muss das internationale Verbot des Handels mit Elfenbein konsequent durchgesetzt werden, es gibt noch zu viele Schlupflöcher.

Sendung zu diesem Artikel

  • Video «Der letzte Raubzug» abspielen
    SRF 1 16.09.2015 22:55

    DOK
    Der letzte Raubzug

    16.09.2015 22:55

    Es war ein Rekordfund auf dem Flughafen Zürich: 262 Kilogramm Elfenbein und Löwenkrallen entdeckten die Fahnder diesen Sommer bei einer Gepäck-Kontrolle. Drei Chinesen wollten die illegale Ware von Tansania via Zürich nach Peking schmuggeln.