Wilhelm Tell in Rio

  • Donnerstag, 12. März 2015, 20:05 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 12. März 2015, 20:05 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Freitag, 13. März 2015, 0:05 Uhr, SRF 1
    • Freitag, 13. März 2015, 11:15 Uhr, SRF 1

Es ist Dienstagmorgen um halb fünf Uhr, fast dreissig Grad in Rio de Janeiro, als die Schweiz ins grelle Scheinwerferlicht des Karnevals von Rio gerät. Dann sieht die Welt eine Schweiz, wie sie noch nie zu sehen war.

Ein Film von Ruedi Leuthold und Beat Bieri

Die alten Klischees sind mit buntesten Farben übermalt, und neue Klischees werden erfunden. Die Sambaschule «Unidos da Tijuca», letztjähriger Meister des Karneval-Wettbewerbs, defiliert mit der Schweiz als Sujet.

80 Millionen TV-Zuschauer erleben, wie es im Sambadrom von Rio schneit, wie ein Wasserfall aus Schokolade in die Tiefe prasselt, wie Wilhelm Tell, der wütige Bergler, in Rio zum galanten Adligen wird. Hundertfach werden offene Schweizer Banktresore durch die Parade geführt.

Samba-Hymne auf die Schweiz

Bekommen nun die Brasilianer endlich zu sehen, wo ihre korrupten Politiker die gestohlenen Millionen versteckt halten? Was sagen wohl die Patrioten in der Schweiz, wenn sie sehen, wie 200 dunkelhäutige Brasilianer die Schweizer Fahne akrobatisch durch die heisse Luft schwingen? Gefolgt von vier «richtigen» Fahnenschwingern, darunter gar der aktuelle Schweizermeister.

Dass sie ihre Schwünge in Fantasiekostümen und nicht in ihrer Innerschweizer Tracht machen, lässt zu Hause den einen oder anderen Traditionalisten wohl die Nase rümpfen. 3'500 Mitglieder, in 19 Kostümen steckend, begleitet von kolossalen Wagenbauten, singen und tanzen eine Samba-Hymne auf die Schweiz, dieses fremde Land, von dem die meisten nicht einmal wissen, wo es liegt. Und sie singen es mit einer Inbrust, wie es kein Ländlerkönig inniger könnte.

Der Bund und ein Dutzend Schweizer Firmen steuern bei

Dass die Sambaschule «Unidos da Tijuca» dieses Jahr die Schweiz als Sujet wählte, liegt am Einsatz von Botschafter Andre Regli, einem langjährigen Liebhaber des Karnevals von Rio de Janeiro. Der Bund und rund ein Dutzend Schweizer Firmen steuerten die Hälfte zum diesjährigen 5-Millionen-Franken-Budget der Sambaschule bei. Doch im Vorfeld mochte man dies nicht an die grosse Glocke hängen. Zu gross waren die Bedenken vor allfälliger Kritik an diesem Schweizer Karnevalsauftritt: zu viel Sex, zu viel Rausch.

Doch der Karneval ist mehr als das, wie dieser «DOK»-Film von Ruedi Leuthold und Beat Bieri zeigt: Er ist das kulturelle Grossereignis Brasiliens, eine gigantische Freiluftoper, die grösste, bunteste und lauteste der Welt. Und doch ist es auch ein glitschiges Parkett, denn noch immer werden einige Sambaschulen von den Bossen des illegalen Glücksspiels kontrolliert.

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