Ist der Darm der Chef unseres Körpers?

Seit dem Bestseller «Darm mit Charme» ist er in aller Munde: Der acht Meter lange Schlauch, der eine direkte Verbindung zum Gehirn hat, einen Grossteil unserer Zellen beheimatet und Krankheiten wie Diabetes oder Multiple Sklerose entstehen lassen kann – der Darm.

Ist der Darm der Chef unseres Körpers?
Bildlegende: Ist der Darm der Chef unseres Körpers? SRF

Der Darm ist erwiesenermassen wichtiger als wir lange gedacht haben. Auf die Nahrungsaufnahme und das Ausscheiden wurde er früher reduziert. Heute ist er ins Zentrum der Forschung gerückt und beschäftigt Medizinerinnen, Neurowissenschaftler, Ernährungsberaterinnen und Psychiater.

Das sagt die Medizinerin Bettina Wölnerhanssen

«Das Darmmikrobiom, die Gesamtheit der Bakterien in unserem Darm, ist wie ein Organ, das für uns arbeitet. Hätten wir dieses nicht, ginge es uns deutlich schlechter. Der Darm und seine Flora sind Kommunikatoren, Nahrungsempfänger, Schaltzentrale, Stoffwechsler und ein wichtiger Teil des Immunsystems. Besonders faszinierend: Kürzlich hat man herausgefunden, dass Medikamente auch über die Darmflora wirken. Das ist eine Erklärung dafür, warum Medikamente bei verschiedenen Patienten unterschiedlich wirken.»

Das sagt der Neurowissenschaftler André Schmidt

«Wir wissen, dass die Bakterienvielfalt im Darm das Gehirn und damit unsere Psyche beeinflusst. Mäuse mit einer reduzierten Bakterienvielfalt entwickeln Verhalten, die mit einer Depression in Verbindung gebracht werden können. Und auch der Stuhl von depressiven Patienten ist bakterienarm. Der Autismus ist aktuell die Krankheit, bei der am meisten in die Darmforschung investiert wurde. Sie zeigt spannende Effekte auf die Symptomatik der Krankheit. Der Darm bietet neue Therapieformen für die Psychiatrie.»

Das sagt die Selbstmanagementtrainerin Caroline Theiss

«Das, was wir als Bauchgefühl bezeichnen, bezeichnen Wissenschaftler als somatische Marker, es wird im Körper (soma) etwas angezeigt. Sie können sich das einfach vorstellen: Jede Erfahrung, die wir machen, wird mit einem positiven oder negativen Körpergefühl markiert. Sobald wir wieder in dieselbe Situation kommen, wird das Gefühl blitzschnell abgerufen. Die meisten Entscheide, die wir jeden Tag fällen, sind Bauchentscheide. Sie fallen schnell, aus dem Bauch raus und ohne den Verstand zu fragen. Wer gegen seine somatischen Marker lebt, ist schnell erschöpft.»

Das sagt der Psychiater Daniel Hell

«Die intime Scham kam mit der Hygienebewegung auf. Die Bakterien im Stuhl sind ansteckend und gefährlich. Schnell wurde alles, was mit Kot zu tun hat, beschämend. Wenn wir uns schämen, stellen wir uns in Frage, weil wir unsere Werte nicht verwirklichen konnten. Wir müssen die Scham ernst nehmen, denn sie ist ein Sensor, ein Alarmzeichen. Deshalb habe ich ihr das Buch ‹Lob der Scham. Nur wer sich achtet, kann sich schämen› gewidmet.»

Das sagt die Ernährungsberaterin Helena Kistler

«Der Darm mit seinen 100 Millionen Nervenzellen ist für mich ein Chef des Körpers. Leider ist er durch unsere Ernährung und unseren hektischen Lebensstil stark belastet. Eine Darmsanierung kann den Darm ankicken und ihn wie ein verkrustetes Rohr durchspülen. Danach ist die sensible Darmoberfläche wieder bereit, ihre Arbeit zu erledigen.»

Redaktion: Brigitte Wenger