Schweiz und EU: Was die gemeinsame Forschung brachte

Wie viel Geld bekamen hiesige Wissenschaftler bis jetzt aus Töpfen der Europäischen Union? Wer hat am meisten profitiert? Und was ändert sich mit dem jüngsten EU-Entscheid, dass die Schweiz wieder als Drittstaat behandelt wird? Antworten auf diese Fragen in Text und Grafiken.

Frontalaufnahme des bekannten Hauptsitzes der ETH Zürich an der Rämistrasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: International bestens vernetzt: Die ETH Zürich bietet Forschern aus dem In- und Ausland gute Chancen. Im Bild der bekannte Hauptsitz an der Rämistrasse. Keystone

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EU-Entscheid: Was sich ändert

EU-Entscheid: Was sich ändert

Wie die Uni Zürich mitteilt, können Forschende in der Schweiz weiter an EU-Projekten des Programms «Horizon 2020» (ab 2014) teilnehmen. Auch eine leitende Funktion ist möglich – sofern eine Finanzierung gesichert ist, inklusive Koordinationskosten. Die ERC-Grants gibt es für hiesige Forscher nicht mehr. Dafür wird eine politische Lösung gesucht.

Neben den Mitteln des Bundes, die über den Nationalfonds und weitere Quellen in die Wissenschaft fliessen, sind die Gelder aus der Europäischen Union ein wichtiges Standbein für die Arbeit der Forscher in der Schweiz. Bei der ETH Zürich lag der Anteil in den vergangenen fünf Jahren zwischen 11 und 15 Prozent; an der Universität Zürich waren es 2012 fast 12 Prozent.

Zudem bedeuten EU-Mittel, die in einem scharfen internationalen Wettbewerb vergeben werden, eine stete Herausforderung. Quasi ein ständiges «Fitness»-Training für die hiesige Forschung, weil sie sich dadurch europaweit mit Partnern und Konkurrenten misst, vernetzt und von deren Wissen profitiert.

Immer mehr Geld für vernetzte Projekte

Seit 1984 werden die Mittel in der EU und assoziierten Staaten, zu denen bis gestern auch die Schweiz gehörte, über so genannte «Forschungsrahmenprogramme» (FRP) verteilt. Die Dotierung stieg vom 1. FRP mit 3,3 Milliarden Euro auf 50,5 Milliarden für das 7. FRP, das 2013 auslief. Wie wichtig die Forschung für die EU ist, illustriert auch das kommende 8. FRP mit dem Namen «Horizon 2020»: Das Budget liegt über 70 Milliarden.

Das Diagramm unten zeigt, wie viel Geld seit 1992 insgesamt an Schweizer Institutionen geflossen ist. Die Zahlen entsprechen dem Stand vom April 2013; die Mittel für das 7. FRP sind darin noch nicht vollständig enthalten. (Die Werte erscheinen, wenn die Maus über die Grafik fährt.)

CH Wie viel Geld floss in die Schweiz? Fördermittel der Europäischen Forschungsrahmenprogramme (FRP) an CH-Beteiligte – von 1992 bis 2013

Die Tendenz erschliesst sich auf einen Blick. Der Wettbewerb und Austausch von Schweizer Forschern mit der EU wurde immer wichtiger. Auch das Beispiel der Universität Zürich zeigt dies: Die FRP-Mittel stiegen von 2004 bis 2012 von 4,5 auf 27,2 Millionen Franken. Doch wer hat in der Schweiz besonders stark von der stärkeren Vernetzung profitiert?

CH Wer bekam wie viel? Fördermittel der FRP an Institutionen in der Schweiz – von 1992 bis 2012

Oder einfacher dargestellt: Wer bekam in den vergangenen 20 Jahren wie viel vom Kuchen?

CH Wieviel wohin? Beteiligung Schweizer Institutionen vom 3. bis 7. FRP – von 1992 bis 2013

Die ETHs in Lausanne und Zürich sowie ihre zugehörigen Institute waren also besonders erfolgreich darin, Forschungsprojekte mit EU-Mitteln zu lancieren und durchzuführen. Vor allem dank der so genannten ERC-Grants: Gelder, die der Europäische Forschungsrat (European Research Council) für Grundlagenforschung auf Spitzenniveau vergibt. Im 7. FRP machten die Fördermittel aus diesen Stipendien mehr als 430 Millionen Franken aus. Was aus den ERC-Grants wird, ist Gegenstand der aktuellen politischen Diskussion.

Ein wichtiges Datum für die Beteiligung war der 1. Januar 2004: Dank eines Abkommens mit der EU hatte die Schweiz als «assoziiertes» Land die gleichen Rechte wie EU-Nationen. Hiesige Forscher hatten damit auch die Möglichkeit, EU-Projekte ohne bürokratischen Aufwand oder zusätzliche Mittel (siehe Infobox: Was sich ändert) zu koordinieren – also zu leiten und die geeigneten Partner auszuwählen.

Schwerpunkte: Life Science und Technologien

Die Schweiz – ein «Erfinderland»? Diese These scheint durch die Daten zur Forschung im EU-Kontext Bestätigung zu finden. Die Auswertung für das 7. FRP der EU bis Ende 2013 zeigt, dass Forscher aus der Schweiz gerade in Bereichen erfolgreich waren, in denen Zukunftstechnologien entstehen.

Wie viel wofür? In welche Forschungsbereiche die europäischen Mittel flossen

Genforschung, Life Science, Nanotechnologien und Ideen, die unsere Informationsgesellschaft prägen werden: Für die Wirtschaft eines Landes wie die Schweiz, dem keine Rohstoffe zur Verfügung stehen, sind Innovationen und Patente in solchen Bereichen die besten Schmiermittel.

Zugleich sicherte die Teilnahme an der europäischen Forschung jungen sowie erfahrenen Forschern in der Schweiz Arbeitsplätze. Die Auswertung für das 6. und 7. FRP, also den Zeitraum von 2002 bis heute, zeigt, dass die Schweiz mit 1916 beziehungsweise 2678 Menschen an den Arbeiten beteiligt war.

Damit lag sie am Ende des ersten Drittels der Rangliste – noch vor grösseren Ländern, wie die Grafik zeigt:

CH Wie viele Menschen? Beteiligte an EU-Forschungsprojekten aus Mitgliedsländern und der Schweiz seit 2003

Konkrete Beispiele dazu: Nach Angaben der ETH Lausanne wurden zum Ende des vergangenen Jahres 550,5 Vollzeitstellen über die Forschungsprogramme der EU finanziert. Und an der Universität Zürich waren es Anfang Dezember 262 Personen, was 169 Vollzeitstellen entsprach.

Führung für Experten aus der Schweiz

Dabei sein ist alles? Das ist auch in der Wissenschaft nur die halbe Wahrheit. Die nächste Abbildung zeigt, dass die ETHs und Universitäten alleine mehr als die Hälfte der Schweizer Beteiligungen an EU-Projekten zustande brachten ...

CH Schweizer Beteiligungen: Anzahl im 7. FRP der EU bis 2013

Doch die Auswertung nach so genannten Koordinationen zeigt, dass sie auch erfolgreich darin waren, europäische Forschung mit eigenem Führungsanspruch zu lancieren und durchzuführen. Die Erfolge von Fachhochschulen und anderen Projektträger nehmen sich dagegen bescheiden aus.

CH Wer hatte den Lead? Schweizer Koordinationen im 2013 abgelaufenen 7. FRP der EU

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Forschungsgeld aus der Schweiz

ETHs, Unis und andere Hochschulen verteilen aus ihren Budgets Projektmittel. Daneben fördert der Schweizerische Nationalfonds (SNF) die Grundlagen-forschung, während die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) in anwendungsorientierte Projekte investiert. Zudem finanziert die Privatwirtschaft einen grossen Teil der Schweizer Forschung.

Zukunft mit vielen Fragezeichen

Ob Forscherinnen und Forscher aus der Schweiz weiterhin auf Augenhöhe mitwirken können, hängt freilich auch davon ab, wie die neuen politischen Rahmenbedingungen umgesetzt werden. Und so ist offen, ob die Erfolgsgeschichte der Schweizer Forschung mit der EU fortgeschrieben werden kann.

Dass sich die enge Kooperation der Vergangenheit gelohnt hat, zeigen zwei Indikatoren. Erstens die finanzielle Bilanz: Im 6. FRP bis 2007, das komplett abgeschlossen ist, zahlte die Schweiz als assoziierter Staat 775,3 Millionen Franken in den Forschungstopf der EU ein – und erhielt knapp 20 Millionen mehr zurück, nämlich 794,4 Millionen an Fördermitteln.

Zweitens konnte sich die Erfolgsquote hiesiger Forscher bei Projektanträgen sehen lassen. Die europäische Rangliste zeigt, dass sie auch den Wettbewerb mit weit grösseren Nationen wie Frankreich oder Deutschland keineswegs scheuen mussten.

Die Erfolgsquoten bei Projektvorschlägen – im internationalen Vergleich von 2007 bis 2013

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Schweizer Forschung in Gefahr?

5:53 min, aus Einstein vom 27.2.2014

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Schweizer Forschung in Gefahr?

    Aus Einstein vom 27.2.2014

    Forschung ist ein essentieller «Rohstoff» für die Innovationsmaschine Schweiz. Doch sie könnte ins Abseits geraten, droht die EU doch den Geldhahn zu schliessen. Für die ETH zum Beispiel steht viel Geld auf dem Spiel: Allein nach Zürich flossen im letzten Forschungsrahmenprogramm 586 Millionen Franken an EU-Geldern. Und zum finanziellen Schaden käme ein dramatischer Imageverlust. «Einstein» liefert einen Einblick in zwei von der EU mitfinanzierte Forschungsprojekte, zeigt die konkreten Probleme der Forscher und fühlt den Verantwortlichen auf den Zahn.