Aufwachsen in den frühen Sixties

Sally Potter erzählt in «Ginger & Rosa» die Pubertätsgeschichte von zwei Londoner Freundinnen im Jahr 1962, als die sogenannte Kubakrise die Menschen in Angst vor einem Atomkrieg versetzte.

Ginger (Elle Fanning, links) und Rosa (Alice Englert) protestieren im Herbst 1962 gegen die Atombombe.
Bildlegende: Ginger (Elle Fanning, links) und Rosa (Alice Englert) protestieren im Herbst 1962 gegen die Atombombe. Filmcoopi

Vom 14. bis 28. Oktober 1962 hält die Welt den Atem an. Wird zwischen der Sowjetunion und den USA ein Atomkrieg ausbrechen? Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert) sind zwei Teenager, die in diesem Klima des Kalten Kriegs in London aufwachsen. Sie gehen auf die Strasse, um gegen die Atombombe zu demonstrieren.

Gleichzeitig werden sie von der herrschenden Aufbruchsstimmung mitgerissen. Man glaubt, erst jetzt wirklich in der Moderne angekommen zu sein. So hat Ginger zum Beispiel zwei schwule Göttis. Musik, Kunst, Mode, Literatur, Emanzipation alles ist neu für die Mädchen und bereit, entdeckt zu werden.

Mädchenfreundschaft in der Krise
Aber so aufregend die neuen Trends sind, sie können auch Schattenseiten beinhalten. Die «Sexual Liberation» führt nämlich dazu, dass Gingers Vater (Alessandro Nivola) vor lauter Fremdgehen kaum noch nach Hause kommt. Als er sogar mit Rosa schläft, wird die Freundschaft der beiden Mädchen auf eine harte Probe gestellt.

Der Regisseurin Sally Potter gelingt es, die Kontraste des Englands von 1962 in wunderschön fotografierten Bildern zum Ausdruck zu bringen. Auf der einen Seite ist da der ganz banale Alltag, wenn Gingers Mutter (Christina Hendricks) «Meat Pie» kocht, auf der anderen Seite sind die aufregenden Diskussionen unter den Künstlerfreunden von Gingers Vater.

Alles Ton in Ton
Obwohl Elle Fanning (15) und Alice Englert (18) die Titelrollen von «Ginger & Rosa» grossartig spielen, blieb ich doch stets auf Distanz. Vermutlich hängt das mit Sally Potters Ästhetisierung zusammen, die mir noch nie so übertrieben vorkam, wie bei diesem Film.

Einmal mehr ist ihre Heldin rothaarig, sie heisst sogar so, wie Engländer Rothaarige nennen: Ginger. Diesmal malt Potter, selber rothaarig, noch fast die ganze Welt in der Haarfarbe ihrer Heldin an. Sogar das Segel der Jolle von Gingers Vater hat dieses rötliche Mahagonibraun.

Zum Anschauen ist das zwar wunderschön, aber es ist zuviel Stilisierung. Statt die Geschichte zu unterstützen, schafft Potters Formwillen Distanz. Daher gibt es von mir etwas Abzug: 4 von 6 Filmbären. 4 bedeutet gut, das heisst, der Film ist durchaus sehenswert.

SRF 2 Interview mit Sally Potter

Trailer

Autor/in: Reto Baer