Chronik einer Allmachtsfantasie

Mit «Chronicle» kommt nun ein Teenager-Film aus den USA, der sich angenehm von gängigen Highschool-Klamotten abhebt. Josh Tranks Anti-Superhelden-Abenteuer ist Popcorn-Kino im besten Sinn: «Chronicle» unterhält von A bis Z - auch Erwachsene.

Drei Jugendliche haben Spass mit ihren neu entdeckten übersinnlichen Kräften: Dane DeHaan, Michael B. Jordan und Alex Russell.
Bildlegende: Drei Jugendliche haben Spass mit ihren neu entdeckten übersinnlichen Kräften: Dane DeHaan, Michael B. Jordan und Alex Russell. 20th Cetury Fox

Superhelden-Geschichten ist das einzige originäre Genre, das Comics je hervorgebracht haben. Bis heute entstehen immer wieder neuen Varianten des Themas. Offenbar kriegen männliche US-Teenager nie genug von solchen Allmachtsfantasien.

Am offensichtlichsten wird das Ganze in «Spider-Man» als pubertäre Allmachtsfantasie deklariert. Und deshalb wird dort auch gleich die moralische Rechtfertigung mitgeliefert: «Aus grosser Kraft folgt grosse Verantwortung.»

Jugendliche mit Superkräften

Spider-Man ist ein integrer Superheld, der von Anfang an fürs Gute und gegen das Böse kämpft. Aber was, wenn ein ganz gewöhnlicher Durchschnittsteenager Superkräfte erhält und diese einfach nur zum Rumblödeln einsetzt? Oder noch schlimmer: um Rache zu üben?

Genau dies spielt Josh Trank nun in seinem wahnwitzigen Film «Chronicle» bis zum Exzess durch. Da steigen drei Jugendliche in ein Erdloch hinab, entdecken ein merkwürdiges Ding und haben nachher Superkräfte.

Vom Spiel zum Ernst

Plötzlich können die drei mittels Gedankenkraft Dinge bewegen. Als sie entdecken, dass sie auch ihren eigenen Körper bewegen können, lernen sie sogar zu fliegen. Das macht alles grossen Spass zu sehen, zumal die Spezialeffekte wirklich gut sind.

Aber in der zweiten Hälfte wird die Geschichte immer düsterer. Andrew (Dane DeHaan), der Junge mit den meisten Problemen, beginnt seine Kraft für Rachefeldzüge zu missbrauchen, Rachefeldzüge gegen Mitschüler, die ihn früher geschlagen und gemobbt haben.

Angst vorm Erwachsenwerden

Die unschuldigen Streiche der ersten Filmhälfte gehen dabei rasch vergessen. Auf diese Weise zeigt der Film, dass Erwachsenwerden immer auch mit Entscheiden zu tun hat, zum Beispiel mit dem Entscheid, ob man den hellen oder dunklen Weg wählt, um mit «Star Wars» zu sprechen.

Und natürlich geht es auch um einen sozialen Entscheid: Ist man dazu bereit, seine Fähigkeiten (wie Spider-Man) in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen? Das tut jeder junge Mensch, der von der Schule ins Berufsleben wechselt. Ein Wechsel, der auch Angst macht. Und genau das wird mit dieser phantastischen Geschichte ebenfalls thematisiert.

Fast kindliche Freude

Gewiss, «Chronicle» ist ein klassischer Teenager-Film, aber weil sich die Story doch etwas vom Gros abhebt, kann sie durchaus auch erwachsenen Kinogängern Spass machen. Also ich bin 52 und habe mich keine Sekunde gelangweilt.

Das liegt zum einen an der tollen Machart, zum andern an der fast kindlichen Freude der Filmemacher an den stupenden Möglichkeiten der heutigen Tricktechnologie, mit der sie die telekinetischen Fähigkeiten der Hauptfiguren inszenieren.

Autor/in: Reto Baer