Der hoffnungsvollste Film übers Sterben

Wenn «Halbe Treppe»-Regisseur Andreas Dresen einen Film übers Sterben dreht, ist das ebenso kompromisslos wie schön. Schön? Ja, weil «Halt auf freier Strecke» im Kino etwas zelebriert, das sonst oft unter die Räder der Unterhaltungsindustrie gerät: Menschenwürde.

Eine Wucht: Der Schauspieler Milan Peschel mit der echten Ärztin Petra Anwar.
Bildlegende: Eine Wucht: Der Schauspieler Milan Peschel mit der echten Ärztin Petra Anwar. Filmcoopi

Schon nach der ersten Szene fragt man sich als Zuschauer: Wer hat dieses Drehbuch geschrieben? Wie war es möglich, diesen Ton zu treffen, diesen Ton, der so absolut echt und so unsentimental ist? Und dann diese langen Pausen?

Die Lektüre des Pressehefts zu «Halt auf freier Strecke» gibt die Antwort: Der Arzt, der dem Mann eines Ehepaars die Diagnose inoperabler Hirntumor mitteilt, ist kein Schauspieler, sondern ein echter Neurochirurg, der tatsächlich bis zu dreimal pro Woche solche Gespräche führt.

Realer Arzt trifft auf Schauspieler

Sogar der Telefonanruf, der in diese unerhörte Situation hinein schrillt, war echt und nicht gespielt. Schauspieler sind hingegen Milan Peschel und Steffi Kühnert, die das Ehepaar Frank und Simone verkörpern. Und was für Schauspieler!

Bei Pressevorführungen mache ich mir immer Notizen. Diesmal notierte ich ganze dreimal: «Kaum zu glauben, dass Milan Peschel das ‚nur' spielt.» Denn er gibt den krebskranken Frank mit solcher Wahrhaftigkeit, dass man meint, einen Dokumentarfilm zu sehen.

Ein Glücksfall

Dass die Palliativärztin Petra Anwar als Franks Betreuerin und der eingangs erwähnte Neurochirurg Uwe Träger mitwirken, ist ein besonderer Glücksfall, der zu Szenen führte, die mit einem reinen Schauspielensemble wohl nicht möglich gewesen wären.

Was soll man weiter über diesen Film sagen? «Halt auf freier Strecke» ist eine Wucht. Wer im Kino mehr sucht als bloss Zerstreuung, sollte sich dieses Drama auf keinen Fall entgehen lassen, so abschreckend das Thema auch sein mag.

Hoffnung trotz Hoffnungslosigkeit

Obwohl einen der Film vor nichts verschont, verlässt man hinterher das Kino sonderbar beglückt. Beglückt einerseits, weil man gerade einen herausragenden Film sehen durfte, und anderseits, weil das Gesehene trotz der Hoffnungslosigkeit Hoffnung macht.

Hoffnung darauf, dass Eigenschaften wie Mitgefühl, Achtung, Würde und Liebe von keinem Krebsgeschwür der Welt vernichtet werden können. Insofern ist dieser Film übers Sterben alles andere als deprimierend.

Autor/in: Reto Baer