Hinschauen, wo es wehtut

Nach seinem gefeierten Debütfilm «Hunger» (2008) gilt Steve McQueen als neustes Regie-Wunderkind. Mit «Shame», einem Drama über einen sexsüchtigen Mann, zementiert der schwarze Brite nun diesen Ruf. In den Hauptrollen beider Filme brilliert Michael Fassbender.

Nicht einmal für seine eigene Schwester (Carey Mulligan) scheint Brandon (Michael Fassbender) etwas zu empfinden.
Bildlegende: Nicht einmal für seine eigene Schwester (Carey Mulligan) scheint Brandon (Michael Fassbender) etwas zu empfinden. Frenetic

Dass Frauen auch im Mainstream-Kino hüllenlos vorgeführt werden, sind wir gewohnt. Bei Männern sieht das etwas anders aus. «Shame» irritiert gleich zu Beginn, indem der Film seinen Hauptdarsteller exzessiv im Adamskostüm zeigt.

Brandon (Michael Fassbender) nackt im Bett, nackt in der Dusche, nackt beim Pinkeln. Richtig penetrant wird dem Zuschauer hier männliche Haut aufs Auge gedrückt. Natürlich ist das gewollt, denn der Film will sämtliche Masken eines Sexsüchtigen herunter reissen.

Nichts für zarte Gemüter

Tatsächlich steht Brandon am Ende so nackt und schutzlos da, wie er am Anfang gezeigt wurde. 100 zum Teil quälende Minuten lang enthüllt der Film Brandons deprimierendes Leben, dessen Höhepunkte gefühlloser Sex und zwanghafte Selbstbefriedigung sind. Was am Ende bleibt, ist einzig Scham: «Shame».

«Sexsucht hat mit dem Bedürfnis nach Sex etwa so viel zu tun wie Alkoholismus mit Durst», erklärt Regisseur Steve McQueen. «Shame» ist schwere Filmkost, die dem Publikum einiges zumutet und daher nicht für zarte Gemüter geeignet ist. Wer sich dem Drama trotzdem aussetzt, bekommt wuchtiges Schauspieler-Kino und einen erschütternden Einblick in ein Tabuthema.

Autor/in: Reto Baer