War Shakespeare ein Hochstapler?

Roland Emmerich («2012») behauptet in seinem neuen Film «Anonymous», William Shakespeare habe kein einziges der 37 Theaterstücke und 154 Sonette geschrieben, die ihm zugeschrieben werden.

Lichtsetzung wie auf Gemälden von alten Meistern: Queen Elizabeth I. (Vanessa Redgrave) und Edvard de Vere (Rhys Ifans).
Bildlegende: Lichtsetzung wie auf Gemälden von alten Meistern: Queen Elizabeth I. (Vanessa Redgrave) und Edvard de Vere (Rhys Ifans). Walt Disney

Roland Emmerich tut bei «Anonymous» genau dasselbe wie bei seinen Katastrophenepen wie «Independence Day», «The Day After Tomorrow» oder «2012»: Er nimmt eine Verschwörungstheorie und macht daraus spannende Unterhaltung. Neu ist bei «Anonymous» einzig das kulturhistorische Thema.

Tatsächlich bestehen begründete Zweifel, dass ein Handwerkersohn wie Shakespeare, der nur eine einfach Schulbildung genoss und nie reiste, hoch literarische Werke schreiben konnte, die mehrheitlich einen aristokratischen Blickwinkel boten.

Shakespeare als Nebenfigur

Die Theorie, dass Edvard de Vere, der Earl von Oxford, der eigentliche Autor war, klingt in der Tat viel plausibler. Der Graf hatte nicht nur all die italienischen Städte besucht, die in Shakespeare-Stücken vorkommen, er hatte auch einen direkten Draht zu Queen Elizabeth I.

Daher ist Edvard de Vere (Rhys Ifans) der eigentliche Protagonist des Films, während der Schauspieler William Shakespeare (Rafe Spall) nur am Rand vorkommt, und zwar als derjenige, der sich im Applaus des begeisterten Publikums suhlt.

Historisch akurat

Edvard de Vere kann die Dramen und Komödien nicht unter seinem Namen aufführen lassen, da die Stücke politische Missstände am Hof der Königin anprangern. Auch wenn «Anonymous» fiktiv ist, so wirken die Bilder historisch unglaublich akurat.

Das liegt daran, dass Emmerich nicht an halbwegs akzeptablen Originalschauplätzen drehte, sondern alles im Studio aufbaute oder die Schauspieler vor computergenerierten Hintergründen agieren liess.

Popcorn- und Arthouse-Kino in einem

Das führte dazu, dass der Film nun Anglisten und Shakespeare-Experten ebenso begeistern kann wie eingefleischte Emmerich-Fans oder Kinogänger, die sonst einen Bogen um Shakespeare-Verfilmungen machen.

«Anonymous» ist die fast ideale Verschmelzung von Popcorn- und Arthouse-Kino, spannend wie ein Krimi und vielschichtig wie ein Shakespeare-Stück. Mit grandiosen Bildern und mitreissenden Schauspielern. Vanessa Redgrave zum Beispiel ist als Königin Elizabeth I. schlicht atemberaubend.

«Box-Office»-Beitrag von SF

Autor/in: Reto Baer