Fokus Japan «Ich bin in manches Fettnäpfchen getreten»

Japans Kultur ist uns fremd. Die zahlreichen Regeln, an welche sich Japaner in ihrem Alltag halten, sind für uns nur schwer nachvollziehbar. Trotzdem, oder gerade deshalb, übt das Land eine grosse Faszination aus – auch auf Patrick Rohr. Er hat auf seiner Reise hinter die Fassade geblickt.

Ein Blick hinter die Fassade: In Japan eine schwierige Aufgabe Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Blick hinter die Fassade: In Japan eine schwierige Aufgabe © Patrick Rohr

Was fasziniert dich an Japan?

Mich berühren die Menschen, die alles, was sie tun, mit grosser Hingabe tun. Selbst Arbeiten, die wir als wenig inspirierend betrachten, wie zum Beispiel das Putzen eines Zugs. Ich bin begeistert von den wunderschönen, friedlichen Landschaften, den vibrierenden Mega-Cities, den stillen Tempeln, der sehr feinen und leichten Küche. Es sind die Gegensätze in diesem Land, die mich faszinieren – und immer auch wieder irritieren.

Du wolltest hinter das Lächeln schauen, hinter dem «öffentlichen Gesicht» auch das private kennenlernen. Wie bist du dabei vorgegangen?

Ich stellte auf einer ersten, privaten Reise vor eineinhalb Jahren fest, dass es nicht so einfach ist, Japanerinnen und Japaner wirklich kennenzulernen und sie zum Beispiel bei sich zuhause zu besuchen. Mir war klar, dass es für dieses ambitionierte Projekt – Japan hinter dem «öffentlichen Gesicht» zu zeigen – ohne ein gutes Netzwerk unmöglich sein würde, an die Menschen heranzukommen. Als Erstes kontaktierte ich in der Schweiz einen Halb-Japaner und eine Halb-Japanerin, die uns wertvolle Kontakte vermittelten. Reto Vetterli, der die Sendereihe «Fokus Japan» produzierte, spannte dann auch noch Fernsehkorrespondent Thomas Stalder in Tokio ein, der uns mit seinem Mitarbeiter Ali Dib zusammen ebenfalls unterstützte. Und schliesslich halfen uns noch die zwei Stringerinnen Toyo Tahara und Hinako Arao – das sind Leute, die für Journalisten vor Ort alles regeln – mit ihren Kontakten, an sehr spannende Leute zu kommen. Und ja, als wir vor Ort waren, passierte es sogar ab und zu, dass wir Menschen kennenlernten, die uns einfach so zu sich nach Hause einluden. Ich bin mit dem Resultat also mehr als zufrieden!

Nicht nur fotografieren und erleben, sondern auch verstehen, das war dein Ziel. Wo bist du mit deinem Verständnis an Grenzen gestossen?

In Japan gibt es gefühlte tausende Regeln und ungeschriebene Gesetze, die auf uns sehr fremd wirken. Im Nachhinein verstehe ich aus dem Kontext heraus die meisten, und ich respektiere sie auch. Aber es gibt immer noch Situationen, in denen ich nicht verstehe, warum ich etwas tun sollte, wenn es doch viel einfacher oder anders auch ginge. Aber man hält sich in Japan an die Regeln, egal, ob sie logisch sind oder nicht. Da sind wir Schweizer, die wir uns schon vor Jahrhunderten gegen eine Regel, wie einen Hut auf einer Stange zu grüssen, aufgelehnt haben, etwas anders gewickelt (lacht).

Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?

Es ist schwierig, aus den vielen Erlebnissen, die mich vom Megamoloch Tokio in die verschneiten Berge und auf die tropischen Inseln im Süden brachten, das eindrücklichste herauszupicken. Aber was mich nachhaltig beschäftigt, ist der Besuch in Onagawa, einer Stadt im Norden, die vom Tsunami komplett zerstört wurde. Auch sechs Jahre nach der Katastrophe leben noch immer Menschen in kleinen Containern und warten, bis die neuen Häuser fertig gebaut sind. Ich glaube, da hätten wir weniger Geduld.

In Japan gelten ganz andere Regeln im Alltagsverhalten und im sozialen Leben, du hast es erwähnt. In welche Fettnäpfchen bist du getreten?

Oh, in viele! Ich bin ein Meister darin, immer den grössten Fettnapf zu treffen. Zum Beispiel hatte ich meine Visitenkarten in der Schweiz vergessen! Unverzeihlich, denn in Japan gehört es zum Begrüssungsritual, dass man dem Gegenüber – notabene mit beiden Händen und begleitet von einer Verbeugung – seine Visitenkarte gibt. Ich murmelte dann jeweils etwas von «schusseliger Fotograf, der das Hirn zuhause gelassen» hat, aber das erzielte leider nicht die gewünschte Wirkung. Und dann trampte ich immer wieder mit meinen Strassenschuhen in den Bereich im Haus, der den Hausschuhen vorbehalten ist. Zehn Zentimeter vielleicht, weil es im Eingangsbereich etwas zu eng war – aber das genügte, eine wichtige Regel zu brechen: nämlich dass man die Schuhe immer auszieht, wenn man ein Haus betritt. Das gilt übrigens auch für viele Restaurants und Museen.

Schön fürs Auge und gut für die Gesundheit: japanisches Essen ist auch bei uns immer beliebter Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Japanische Esskultur: Nicht nur schön fürs Auge SRF

Du liebst das japanische Essen. Warum?

Die japanische Küche ist sehr leicht und gesund. Die Mahlzeiten werden mit frischen, zum Teil noch halb lebendigen Zutaten zubereitet (lacht). Im Ernst: Ich habe auf beiden Reisen je etwa drei Kilo abgenommen, ohne je das Gefühl gehabt zu haben, nicht genug gegessen zu haben. Mir gefällt auch die regionale Vielfalt der japanischen Küche.

Welche Erkenntnisse nimmst du mit aus Japan?

Im Grossraum Tokio leben 42 Millionen Menschen, fünfmal so viele wie in der Schweiz – auf einer Fläche, die etwa ein Drittel so gross ist wie die Schweiz. Und trotzdem hatte ich nie das Gefühl von Enge oder «Dichtestress». Das hat damit zu tun, dass die Japaner sehr rücksichtsvoll miteinander umgehen. Auf dem Bahnperron steht man zum Beispiel in Einer- oder Zweierkolonne an, um in den Zug zu steigen – kein unwürdiges Geschubse und Gedränge, wie in unseren Bahnhöfen, wenn der Zug einfährt. Und auch sonst ist man in Japan sehr höflich, man geht mit Respekt und Freundlichkeit miteinander um. Dass man in einem Restaurant oder in einer Bar so muffig bedient wird, wie das bei uns oft der Fall ist, käme in Japan nie vor.

Kein Geschubse, wie schaffen das die Japaner bloss Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kein Geschubse, wie schaffen das die Japaner bloss? © Patrick Rohr

Was könnten Japaner von uns lernen?

Ich denke, es ist nicht gut, wenn man seine – negativen – Gefühle immer unterdrückt, wie man das in Japan aus Angst vor dem Gesichtsverlust macht. Ab und zu mal klar Nein zu sagen, oder etwas ablehnen, weil es einem nicht gefällt, ist auf Dauer gesünder, als etwas anzunehmen, obwohl man es nicht möchte. Ich denke, es täte auch Japanern gut, mal zünftig zu sagen, wenn ihnen etwas nicht passt.

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