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Fortsetzung folgt Was gestern war, ist heute anders

«DOK»-Filmer Frank Senn war für Dreharbeiten in Nepal, als die Erde plötzlich bebte. Wie dieses katastrophale Naturrereignis seinen ursprünglich geplanten Film veränderte und wie er die Katastrophe erlebte, schildert er in seinem Bericht.

Tausende Menschen leiden Not: Erdbeben in Nepal
Legende: Tausende Menschen leiden Not: Erdbeben in Nepal SRF

Plötzlich beginnt der Boden zu schwanken. Der Untergrund bewegt sich in Wellenbewegungen auf und ab. Die Beine versagen ihren Dienst, im Kopf beginnt sich alles zu drehen. Was passiert mit mir? Schwindel, Ermüdung oder ein Zusammenbruch? Gedanken rasen durch den Kopf. Der Versuch, das Unfassbare und Unbekannte einzuordnen. Doch die Bewegungen halten an und werden immer stärker.

Es ist ein Erdbeben – also Flucht unter das, was am nächsten steht. Unter einen Türrahmen eines kleinen, baufälligen Ladens und dann langes Warten. Warten darauf, dass es aufhört. Das Bewusstsein, jetzt kann ich nichts mehr machen, mein Schicksal liegt nicht mehr in meiner Hand. Und immer noch warten. Nach 90 Sekunden plötzlich eine gespenstische Ruhe – bevor die Schreie beginnen.

Was wäre gewesen, wenn...?

Rund 50 Meter hinter uns erkenne ich eine riesige Staubwolke. Eine Mauer ist zusammengebrochen, daneben liegen Häuser in Schutt und Asche. Und dann wieder die Gedanken: Was wäre, wenn wir dort gewesen wären?

Was wäre, wenn wir heute Morgen beim Kaffee nicht so lange diskutiert hätten, und warum haben wir ausgerechnet heute eine andere Route in den Thamel, die Altstadt von Kathmandu, genommen? Was wäre, wenn? Wir hatten Glück.

Autofahrt durch ein zerrüttetes Bergdorf bei Kathmandu
Legende: Autofahrt durch ein zerrüttetes Bergdorf bei Kathmandu wild yak expeditions

Ganz im Gegensatz zu Nepal, das in seiner Armut von einer der schlimmsten Naturkatastrophen der Neuzeit heimgesucht wurde. Leute, die das Wenige, das sie hatten, in einem Moment von 90 Sekunden verloren. Viele unter ihnen kamen nur mit dem eigenen Leben davon, ihre Angehörigen und Freunde verschüttet, verschwunden oder tot.

Dies ist eine Geschichte, die wir in unserer Serie «Fortsetzung folgt» so nicht erzählen können – denn die Kamera war zu diesem Zeitpunkt nicht dabei.

Die Ereignisse greifen in unsere Geschichte ein

Eigentlich hatten wir am Tag des Erdbebens unseren Film abgedreht. Am Morgen sassen wir noch im Hotel zusammen und legten den Schnittplan und den dramaturgischen Bogen für unsere Filme fest. Wir waren vorher Wochen mit Norbu Sherpa und seiner Freundin Andrea unterwegs. Wir begleiteten sie mit der Kamera ins «Solo Khumbu» bis zum Everest Basecamp. Am Ende verbrachten wir eine Woche im Basecamp auf 5'364 Metern und beleuchteten den «Wahnsinn Everest» aus allen Blickwinkeln.

Norbu Sherpa im Basislager
Legende: Norbu Sherpa im Basislager SRF

Eigentlich sollte die Fortsetzungsgeschichte unseres Filmes «Sherpas – die wahren Helden am Everest» sieben Jahre danach aufzeigen, wohin sich der Everest-Tourismus bewegt, und wie die Sherpas mit der Angst vor einer weiteren Katastrophe am Berg umgehen. Denn im letzten Jahr waren 16 Sherpas im «Khumbu Eisfall» in einer Lawine tödlich verunglückt – bis dahin die grösste Katastrophe am höchsten Berg der Welt.

Wir trafen in diesem Jahr im Basislager auf eine Welt, in der sich 500 Bergsteiger mit ihren rund 500 Sherpas bereit machten, in die ersten Hochlager aufzusteigen. Die Stimmung war angespannt, da es zuvor so viel Schnee wie schon lange nicht mehr gegeben hatte und sich sehr viele Expeditionen ohne grosse Erfahrung am Everest befanden. Die Expeditionsleiter wollten eine Petition an das Tourismusministerium einreichen, um es dazu zu bewegen, ausnahmsweise Lasten per Helikopter ins Lager 2 auf 6'400 Meter fliegen zu lassen.

So müssten die Sherpas weniger oft durch den gefährlichen «Khumbu Eisfall» klettern. Wir wollten ausserdem zeigen, wie das Liebespaar Norbu und Andrea den grossen Traum ihrer Liebe verwirklichen und den höchsten Berg der Welt besteigen wollten. Doch es kam anders.

Norbu und Andrea wollen helfen

In «Fortsetzung folgt – Erdbeben am Everest» findet nun nur ein Teil dieser Geschichte statt. Der Film zeigt, wie schnell sich Träume und Pläne ändern können. Wie schnell plötzlich Unerwartetes in den Vordergrund drängt und das, was gestern wichtig war, seinen Wert verliert.

Deshalb haben wir nach dem Erdbeben in Kathmandu auch mit unseren Protagonisten weitergedreht, um zu zeigen, was sie nach der Katastrophe tun. Wir dokumentieren das Unglück aus ihrer Sicht, mit ihren Gefühlen.

Wir möchten mit diesem Film den tragischen Auswirkungen des Erdbebens ein eigenes Gesicht geben. Verbunden damit ist auch die Hoffnung, dass das Land und die Leute bald Ruhe vor der Katastrophe finden, und sie durch die Normalität wieder Kraft finden – um sich und dem Land eine Zukunft geben zu können.

*1963 in Bern. Frank Senn ist «DOK»-Autor und Teamleiter der «DOK»-Serien. In seinen Filmen entführt er die Menschen oft in die Bergwelt. Er hat das verheerende Naturereignis in Nepal persönlich miterlebt.

«Fortsetzung folgt»

«Fortsetzung folgt»
Legende: Norbu und Andrea reisen nach Kathmandu, wo sie Hilfsgüter an die notleidende Bevölkerung verteilen.

«Erdbeben am Mount Everest», Freitag, 29. Mai 2015, 21.00 Uhr, SRF1

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