Auf dem Highway ist ein Bisschen was los

Da zuckt der Bleifuss: In «Need for Speed: The Run» rasen wir 3000 Meilen von San Francisco nach New York. Dicht verfolgt von 200 anderen Fahrern und dem organisierten Verbrechen. Der 18.

Willkommen im Raser-Feierabendverkehr
Bildlegende: Willkommen im Raser-Feierabendverkehr

(!) Titel der «Need for Speed»-Reihe will Autorennen am Computer und der Konsole mit Hintergrundstory und cineastischem Flair neue Impulse geben, kommt aber nicht so recht in Fahrt.

Kleine Anekdote zum Anfang: Als ich einmal einen minderjährigen Bekannten fragte, warum er auf seinem Moped mit gut 60 Sachen durch die Gegend fährt, antwortete der bloss: «Ich bin halt need for speed». Das war vor fast 20 Jahren, Mitte der 1990er Jahre, kurz nachdem der erste Teil von «Need for Speed» erschienen war.

Die Renn-Serie prägte in Folge nicht nur jugendliche Raser nachhaltig, sie wurde mit über 100 Millionen verkauften Exemplaren auch zu einer der erfolgreichsten Game-Serien überhaupt, selbst wenn die Begeisterung der Fans und Kritiker über die Jahre deutlich nachliess.

Die Hintergrundstory zum Rennen

Mit «Need for Speed: The Run» bringt Herausgeber Electronic Arts nun den dritten «Need for Speed»-Titel innerhalb von 12 Monaten auf den Markt und will der Serie neue Impulse geben mit einer Hintergrundstory und viel cineastischem Flair. Kinoreif geht es schon im TV-Werbespot (Video unten) zu, den kein geringerer als Michael «Explosionen!» Bay inszeniert durfte. Und auch was die Stimmen der Spielfiguren angeht konnte man sich zumindest mit Christina Hendricks, die bei «Mad Men» die Joan Holloway spielt, einen bekannten Namen sichern.

Hendricks - beziehungsweise ihre Figur Sam Harper - ist es denn auch, welche die Story in «The Run» ins Rollen bringt. Wir spielen Jason «Jack» Rourke, einen wortkargen Teufelsfahrer mit Geldproblemen und dem organisierten Verbrechen im Nacken. Dank Harper erfahren wir von einem riesigen, illegalen Strassenrennen von San Francisco an der Westküste bis nach New York an der Ostküste der USA. Wer es schafft, von den 200 Fahrern als erster ans Ziel zu kommen, gewinnt 25 Millionen Dollar.

Monotonie auf dem Highway

Für den Spieler ist diese Story aufgeteilt in neun Etappen, die in sich wiederum verschiedene Abschnitte haben mit unterschiedlichen Aufgaben haben: Zeit gutmachen zum Beispiel, oder eine bestimmte Anzahl von Gegnern überholen. Dabei gibt es tolle Momente: Etwa wenn wir in Colorado durch die Rocky Mountains fahren oder die herbstlichen Laubwälder der Ostküste am vor uns sehen. Lange dauert der Spass aber nicht: Die eigentliche Story in «Need for Speed: The Run» hat der durchschnittliche Spieler in einem Tag wohl zu Ende gespielt. Danach warten zwar neue Aufgaben auf uns, die aber nichts fundamental Neues mehr bieten.

Und schon beim Rennen quer durch die USA stellt sich nach einiger Zeit gepflegte Langeweile ein. Wie die Landschaften hier an uns vorbeiziehen ist zumindest grafisch fantastisch. Aber vor allem auf langen, kurvenlosen Strecken - von denen die Highways zwischen San Francisco und New York nicht wenige bereit halten - passiert einfach zu wenig. Beim den Überholmanövern auf dicht befahrenen Strassen kommt man sich schnell einmal vor wie im Feierabendverkehr auf der Autobahn - ein wenig zu viel Wirklichkeitsnähe für ein Spiel, dass sich Action und nicht Realismus auf die Fahne geschrieben hat.

Fahrzeugwechsel wird bestraft

«The Run» hat noch andere Probleme, störende Eigenheiten des Spieldesigns etwa. So ist es möglich - oft auch nötig - je nach Strassenart ein anderes Auto zu wählen. Zur Auswahl stehen die unterschiedlichsten Fahrzeugtypen, die sich je nach Situation mehr oder weniger gut eigenen. Weil bei jedem Fahrzeugwechsel aber die Gegner gleich reihenweise an einem vorbeiziehen, hat man bald einmal keine Lust mehr auf einen Wechsel. Die grosse Auswahl an Fahrzeugen ist letztlich also nutzlos.

Und es gibt weitere Beispiele für schlechtes Game-Design: Das Fahrverhalten der Computergegner ist oft frustrierend - Gegner trödeln oft, bis man zu ihnen aufgeschlossen hat, nur um im letzten Moment mit einem uneinholbaren Geschwindigkeitsschub von Dannen zu ziehen oder einem beim Überholmanöver urplötzlich in die Fahrbahn zu schiessen.

Nun ist «Need for Speed: The Run» beileibe kein schlechtes Spiel und die Prämisse eines 3000-Meilen-Rennens quer durch die USA lässt Erinnerungen an alte «Cannonball Run»-Filme (bei uns auch als «Auf dem Highway ist die Hölle los» bekannt) mit Burt Reynolds aufkommen. Doch die erwähnten Probleme mit dem Game-Design lassen unnötig Frust aufkommen, den auch die gute Grafik-Engine (die selbe, die jüngst bei «Battlefield 3» zum Einsatz kam) nicht vergessen lässt.

Platt trotz Christina Hendricks

Eine letzte Bemerkung noch zur Hintergrundstory, zu der sich die Spielentwickler von Black Box im Vorfeld enthusiastisch geäussert hatten: Nach ein paar einführenden Szenen verschwindet sie rasch aus dem Blick und spielt für das eigentliche Game kaum mehr eine Rolle. Die Figuren jedenfalls bleiben platt; selbst die Sam Harper von Christina Hendricks, bei der «platt» für gewöhnlich das letzte Wort ist, das einem in den Sinn kommt.

Autor/in: Jürg Tschirren