Botanicula macht glücklich

Herr Laterne, Frau Pilz, Herr Mohnsamen, Herr Feder und Herr Zweig retten in «Botanicula» ihre Welt vor schwarzen Saugspinnen. Mit dem Quintett auf dem wundersamen Baum herumzustreifen, erinnert auch Erwachsene an die kindlichen Freude des Entdeckens.

Das Samenquintett bringt der Anglerzwiebel einen Wurm. Juhu!
Bildlegende: Das Samenquintett bringt der Anglerzwiebel einen Wurm. Juhu!

Der Baum schimmert mysteriös, in den halbtransparenten Ästen pulsiert grüner Lebenssaft. Es zwitschert, summt, kreucht und fleucht um unsere fünf Figuren herum, Bienen, Flugsamen, Käfer, Würmer, Baumfrösche, Flugfische, eine Siedlung fröhlicher Kastanien, eine Schildkröte mit Kalebassenpanzer oder ein Evel-Knievel-Ahornsamen.

Diese zarte Welt ist bedroht, von dunklen, spinnenartigen Wesen, die das Leben aus Blättern und Ästen saugen. Unsere fünf kleine Freunde sollen den Baum, ihre Welt, retten. Das ist der Grundkonflikt, der die Geschichte vorwärts bringt (und uns ganz ohne Worte erzählt wird, nur mit Geräuschen, Gesten und kurzen Animationen). Doch das Spiel selbst ist konfliktfrei. Unsere Figuren können nicht sterben, nur etwas zurückversetzt werden. Und kämpfen müssen sie auch nie, bloss einen Weg finden, auf den nächsten Ast zu hüpfen oder sich an bösen Spinnen vorbeizuschleichen.

Entdecken im Wald

«Botanicula» ist ein «Point & Click»-Adventure. Wir klicken mit der Maus auf etwas und hoffen, dass sich dahinter etwas verbirgt. Das Genre gibt es seit den 80er-Jahren, als Computer erstmals mit einer Maus bedient werden konnten und in der Lage waren, Grafik anzuzeigen. Heute ist das Genre eine Nische geworden. Doch Amanita Design, das tschechische Studio hinter «Botanicula», hält unverdrossen daran fest.

Ich habe Amanita-Gründer Jakub Dvorský letzten Herbst am Fantoche getroffen, und er hat mir erzählt, dass er mit seinen Kollegen gerne in den Wäldern auf den Hügeln um Brno herumstreift und nach Inspiration sucht. Sie fotografieren knorrige Wurzelstöcke, verwitterte Mäuerchen oder moosüberwachsene Felsbrocken. Diese Fotos werden dann am Computer verfremdet, übermalt oder bewusst in falsche Grössenverhältnisse gesetzt. So erhalten die Spiele von Amanita einen organischen Look; die Fantasie ist verwurzelt in der Umgebung, in der die Designer leben.

«Botanicula» ist in erster Linie ein Werk von Animator und Grafiker Jaromír Plachý. Sein Stil erinnert an die Illustrationen eines Kinderbuches - organisch und detailliert, aber auch klar und schlicht, schimmernde Linien, mit satten Farben.

Toller Soundtrack

Auch die wunderliche Musik des Geschwisterpaars «DVA» (schlicht «Zwei») versprüht eine kindliche Experimentierlust. Es summt und knistert und zwitschert und surrt, es wird fröhlich in die Hände geklatscht, Musikdosen und Spielzeugtröten und Kinderstimmen bilden den Klang eines süssen Geburtstagskuchens aus Psilo-Pilzen nach.

Klick auf alles!

Und so wie die Amanita-Designer in den Wäldern um Brno herumstreifen und Texturen entdecken, so geht es auch in ihren Spielen in erster Linie um das Entdecken. Jeder Bildschirm, jeder Ast-Abschnitt ist ein interaktives Schaubild, eine Art Erlebnisdecke: Wir streifen mit der Maus über den Bildschirm und bewegen Blätter und Halme; wir klicken auf jedes Viech, jede Nuss, jedes Ästchen und schauen, was passiert, was sich darunter verbirgt.

«Botanicula» glänzt mit kauzigem Humor und einer poetischen Leichtigkeit, die mich schlicht glücklich gemacht haben.

Alle Download-Links und mehr zu «DVA» und andere Amanita-Werken im Blog: «Botanicula macht glücklich».

Schimmernde Baumwelt
summt, kriecht, brummt, fliegt, zwitschert, surrt.
Klick alles! Juhu!

Zur ausführlichen Kritik

Autor/in: Guido Berger