Deflex: YOU ROCK!

Der Schaf- und Lama-Freund Jeff Minter hat auf seinem Hof in Wales wieder kräftig nachgedacht und ein neues iPhone-Spiel herausgebracht: Deflex. Wie immer bei Minter in Modern Retro und mit einem kräftigen Schuss LSD - doch nicht schnell und hektisch wie sonst, sondern angenehm entspannt.

Aufgepasst! Der Minotaur ist liebestoll!
Bildlegende: Aufgepasst! Der Minotaur ist liebestoll!

Auch ein Hippie muss mal ausruhen.

In Deflex müssen wir mit einem Ball alle Objekte auf dem Bildschirm einsammeln. Wir steuern den Ball nicht direkt, sondern platzieren einen «Bat», ein / oder \. An diesen Schlägern prallt der Ball dann ab und ändert seine Bahn im rechten Winkel, entweder nach rechts oder nach links. Einmal gesetzte Schläger bleiben dort, sollte der Ball wieder dort vorbeikommen, prallt er auch wieder ab. Ebenso an den Rändern des Bildschirms.

Genialer Einfall

Schlicht genial ist nun dieser Einfall: Jedes Mal, wenn der Ball an einem platzierten Schläger abprallt, ändert dieser seine Ausrichtung. Aus / wird \ und umgekehrt. Damit wird der Weg, den der Ball zurücklegt, schwer berechenbar - und es kann nicht passieren, dass sich der Ball mit ein paar schlecht platzierten Schlägern in einer Endlosschlaufe verliert.

Die einzusammelnden Objekte (wie immer bei Minter wunderbar wirr, da gibt es alles vom Toaster über das rosa Pony bis hin zum Minotaur, und natürlich Lamas und Schafe) bewegen sich oft, in jedem Level etwas unterschiedlich. Manchmal werden sie vom Ball angezogen, manchmal flüchten sie, mal benehmen sie sich eigensinnig.

Ball, Schläger und Ziele haben dadurch eine physikalische Ausprägung, Deflex fühlt sich nicht digital, sondern analog an. Es kommt auf Präzision an, kleine Unterschiede können viel ausmachen. Es ist schwierig, einen bestimmten Pfad des Balles exakt zu reproduzieren. Trotzdem ist das Spielgefühl entspannt - wir können den Ball auch einfach mal laufen lassen.

Je länger wir brauchen, desto mehr Masse verliert der Ball. Wenn er sich auflöst, haben wir den Level verloren. Wie schnell er Masse verliert ("verdampft"), ist in jedem Level etwas unterschiedlich. Und es gibt auch Gegner, die wir nicht berühren dürfen, weil sie dem Ball Masse entziehen.

Sanftes Game Over

Dass der Ball Masse verliert, wird nicht nur grafisch angezeigt, sondern auch hörbar. Wenn der Ball auf etwas prallt, erklingt ein sanfter Klavierakkord. Und diese Klänge werden leiser, je leichter der Ball ist. Wenn der Ball verschwindet, blendet auch die Musik sanft aus. Diese Idee ist einmalig und komplett gegen die Gepflogenheiten: Normalerweise signalisieren uns Spiele das drohende Ende mit mehr Hektik, mehr Lautstärke. Jeff Minter tut genau das Gegenteil: So wie uns der Ball und das Spiel entgleitet, so entgleiten uns die Töne, am Ende bleibt die Stille.

Deflex hat 52 Level - und in jedem überrascht uns Minter mit neuen Spielelementen. So ist z.B. der ganze Level mit Klötzen verbaut, die wir mit dem Ball erst einmal wegsprengen müssen. Oder es springen uns plötzlich liebestolle Minotaure an. Oder es sind schon Schläger da, bevor wir welche hinlegen. Oder es wird die Reihenfolge vorgegeben, in der man die Objekte einsammeln muss.

Hinter der möglicherweise etwas einschüchternden Retrografik und dem wirren Humor verbirgt sich ein perfekt designtes Spiel voller cleverer Ideen und mutiger Entscheide. Nachdem Jeff Minter im Januar mit Minotaur Rescue den besten iPhone-Shooter abgeliefert hat, legt er nun mit Deflex das beste Physics Puzzle nach. Und hat nebenbei trotzdem noch Zeit, mit seinen Schafen zu schmusen. Eine beeindruckende Jahresbilanz.

Mehr zur Geschichte von Deflex und der Jagd auf High Scores gibt es in Guidos Blog: «Deflex: YOU ROCK!».

Das Klavier verstummt,
das Leben, die Zeit verfliegt.
Yay! sagt das Einhorn.

Zur ausführlichen Kritik

Autor/in: Guido Berger