Der Daumen als Schwert: «Infinity Blade II»

Taugen iPad und iPhone zur Spielkonsole? «Infinity Blade II» meint: «Aber sicher!». Wir schauen genauer nach und spielen einen mit Schwert und Rüstung gewappneten Ritter, der sich in unzähligen Kämpfen zu seinem Erzfeind durchschlägt.

Kämpfen wie die Grossen: «Infinity Blade II» auf dem iPhone
Bildlegende: Kämpfen wie die Grossen: «Infinity Blade II» auf dem iPhone

Das ist fantastisch anzusehen und bietet jede Menge Action - bloss beim Spielspass gehen die Meinungen auseinander.

Als Amerika in den 1950er Jahren auf Stereosound umsattelte, kamen Schallplatten wie diese (Bild) auf den Markt - Soundspielereien und Tonbeispiele, um die ganze Herrlichkeit des neuen Formats zu demonstrieren. Lieder und Tanzstücke fanden sich auf solchen Alben keine; schliesslich ging es weniger um den Inhalt als um den Effekt.

«Und was, Himmelherrgott, hat das mit 'Infinity Blade' zu tun?!», fragt ihr nun. Keine Angst: So abwegig ist der kleine Exkurs nicht, denn «Infinity Blade» ist auch eine moderne Variante der oben erwähnten Schallplatten.

Alle lieben «Infinity Blade»

Kurzer Rückblick: Im Dezember 2010 veröffentlichte der Game-Entwickler ChAIR den ersten Teil von «Infinity Blade» (für Geräte mit Apples mobilem Betriebssystem iOS). Das Spiel sollte iPhone und iPad als portable Spielkonsolen für anspruchsvolle Spieler etablieren. Es sollte zeigen, dass iOS-Games sich nicht darin erschöpfen, mit Vögeln auf Schweine in Stahlhelmen zu zielen.

Und das hat gut geklappt: «Infinity Blade» wurde von Spiele-Seiten im Internet besprochen, die sich sonst nur Konsolen-Spielen widmen - und bekam rundherum Bestnoten. Auch Apple liebte das Spiel und liess es in seinen Werbespots vorkommen. Und nicht zuletzt schlugen die App-Store-Kunden zu: Über 5 Millionen heruntergeladene Exemplare sorgten für einen Umsatz von mehr als 20 Millionen Dollar.

Hallo Gottkönig

Mir allerdings gefiel der erste Teil von «Infinity Blade» nicht sonderlich. Und was mich beim ersten Teil störte, ist auch beim zweiten noch da: Das Game sieht zwar fantastisch aus und zeigt, was iPhone und iPad können. Aber wie ein «richtiges» Spiel will es mir nicht vorkommen. Eher wie ein Vorführstück, das alles aus einem Gerät heraus kitzelt, das technisch möglich ist. Und dabei das eigentliche Spiel aus dem Auge verliert.

In «Infinity Blade II» steigen wir wieder in die schwere Rüstung des Kämpfers namens Siris. Nachdem er im ersten Teil das legendäre Schwert «Infinity Blade» in seinen Besitz gebracht hat, macht er sich nun auf, dessen Erschaffer zu befreien. Doch bald kommt ihm sein Erzfeind, der tot geglaubte Gottkönig in die Quere. Es beginnt von neuem ein Kreislauf aus Kämpfen-Sterben-Wiederauferstehung, der Siris zum finalen Kampf mit dem Gottkönig führt.

Neue Waffen, abwechslungsreichere Kämpfer

Im Gegensatz zum ersten Teil sind die Kämpfe abwechslungsreicher geworden. Liess früher die simple Abfolge immer gleicher Aktionen (Deckung, Deckung, Deckung, Schlag, Schlag, Schlag, Schlag) irgendwann auch den stärksten Gegner in die Knie gehen, ist nun gute Beobachtung und schnelle Reaktion gefragt. Vor allem die Boss-Gegner machen einem mit kaum vorhersehbaren Bewegungsabläufen das Leben schwer.

Wie im ersten Teil können wir unsere Ausrüstung häufig wechseln und diesmal sogar durch die Kombination mit bestimmten Edelsteinen zusätzlich verbessern. Wem nach Weihnachten oder Lottogewinn das Geld ein Loch in die Tasche brennt, kann Waffen und Rüstung auch im Shop gegen Bares erstehen.

Das Kampfsystem zeigt sich verbessert: Statt immer nur mit Schwert in der Rechten und Schild in der Linken kämpfen wir nun auch mal mit je einer leichten Waffe in jeder Hand oder greifen mit beiden Händen zur schweren Waffe. Ersteres kommt einem bei agilen Gegnern zu Gute. Letzteres dann, wenn besonders heftige Treffer gefragt sind. Ideal für den mobilen Spieler dauern die einzelnen Kämpfe nur kurz - wer im Bus sein iPhone zückt, kann den nächsten Gegner leicht zwischen zwei Haltestellen erledigen.

Ausweichen und zurückschlagen

Im Vergleich zum optisch bereits starken Vorgänger haben ChAIR bei der Grafik noch mal einen drauf gesetzt. Bereits die ersten Szenen beeindrucken mit einer japanischen Tempel-Szenerie, in der sich die Blüten der Kirschbäume sanft bewegen und Lichtreflexe durch die Äste brechen. Nicht weniger imponiert die Animation der einzelnen Gegner, jeder mit einem anderen Kampfstil und entsprechendem Bewegungsablauf. Dahinter steckt die Unreal Engine 3, die auch bei Konsolen-Hits wie « Batman: Arkham City» oder «Mass Effect» zum Einsatz kommt.

Dass mir auch «Infinity Blade» trotz all dem nicht wie ein «richtiges» Spiel vorkommen will, mag am eigentlichen Spielprinzip liegen - das manche Kritiker zurecht als «'Punch Out' mit Schwertern» bezeichnen. Denn gleich wie im Box-Klassiker von Nintendo besteht die Aufgabe des Spielers aus wenig mehr als den Schlägen des Gegners auszuweichen und anschliessend zu kontern. Nach wie vor besteht das eigentliche Kämpfen also aus raschen Daumenwischern über den Bildschirm.

Abseitsstehen beim Triumph

Nun sind Daumen eine tolle Sache und die Menschheit stünde ohne sie sicher schlechter da. Bloss zur punktgenauen Schwertführung taugen die klobigsten aller Finger wenig. Bei «Infinity Blade 2» kämpfe ich deshalb, wie ich es schon beim Vorgänger getan habe: Indem ich wie wild mit dem Daumen von links nach rechts, dann wieder von unten nach oben, zur Abwechslung mal von rechts nach links und dann wieder von links nach rechts wische. Immer in der Hoffnung, meinem Gegner irgendwann den vernichtenden Schlag beizubringen.

Das hat etwas sehr Zufälliges: Ich steuere meine Spielfigur, ohne genau zu wissen, was ich eigentlich mache. Und so wird auch der Sieg beliebig: Hätte ich mein Schwert gezielt geführt, könnte ich mir auf meinen Erfolg etwas einbilden. Doch weil ich bloss herumgefuchtelt habe, bleibt mir der Triumph seltsam fremd. (Was allerdings auch daran liegen könnte, dass ich besonders klobige Daumen habe).

Autor/in: Jürg Tschirren