Der Mann als Schaf: «Catherine»

Das japanische Spiel «Catherine» verkauft sich als Mix aus Horror-, Erotik- und Puzzle-Elementen. Kann das gut gehen?

Ab 18: Catherine und ein mässig begeisterter Vincent
Bildlegende: Ab 18: Catherine und ein mässig begeisterter Vincent

Darf ich vorstellen: Vincent. Ein Mann Anfang 30, ein Schluffi. Seit kurzem kann Vincent kaum mehr richtig schlafen: Jede Nacht sieht er sich in einem albtraumhaften Turm gefangen, in dem der einzige Ausweg in ferner Höhe liegt.

Zu erreichen ist der Ausgang nur, wenn Vincent quadratische Blöcke hin- und herschiebt und sich so eine Treppe nach oben baut. Viel Zeit zum Überlegen bleibt ihm nicht, denn der Boden unter Vincents Füssen löst sich langsam auf. Fällt Vincent, ist er tot - nicht nur im Traum, auch im richtigen Leben.

Nun ist Klettern unter Zeitdruck an sich schon schwer genug, doch hier kommen noch zusätzliche Hindernisse dazu: Nicht alle Blöcke sind gleich, einige beginnen zu bröckeln, sobald man einen Fuss auf sie setzt, andere lassen sich gar nicht erst bewegen. Um dem sicheren Tod zu entgehen, muss Vincent darum verschiedenste Kletter-Strategien auf Lager haben.

Eine Geschichte mit acht möglichen Ausgängen

«Catherine» ist ein Spiel des japanischen Studios Atlus und ein wilder Mix aus Puzzle-Spiel, psychosexuellem Thriller und Dating-Simulation. Solche in Japan beliebten Simulationen sind bei uns kaum bekannt. Dass «Catherine» weniger Sex-Spiel denn unterhaltsame Parodie einer Dating-Sim ist, kann darum ausserhalb Japans schnell vergessen gehen - was wohl erklären mag, weshalb dieses doch recht zahme Spiel erst ab 18 freigegeben ist.

Elemente solcher Dating-Sims (die zum Ziel haben, eine Liebesbeziehung zu einer anderen Computerfigur aufzubauen) finden sich überall in «Catherine». Etwa wenn Victor in wachem Zustand Entscheidungen treffen muss, welche die weitere Entwicklung der Spielfigur beeinflussen und zu einem von acht unterschiedlichen Enden der Geschichte führen.

Horror-Gegner aus dem Unbewussten

Der Hauptteil des Spiels findet aber in Victors (Alb)Träumen statt. Die Suche nach einem Ausweg aus dem Horror-Turm beginnt einfach, erste Erfolgserlebnisse stellen sich rasch ein. Ebenso schnell nimmt aber die Schwierigkeit zu. Nicht zuletzt, weil am Ende bestimmter Abschnitte des Turms ein Endgegner wartet, der beim Klettern für zusätzliche Schwierigkeiten sorgt.

Diese Gegner entspringen direkt dem aufgewühlten Unbewussten unserer Spielfigur Vincent, der zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen ist: Seiner strengen Freundin Katherine und einer verführerischen Blondine im Minirock - Catherine, mit der Vincent eine Affäre anfängt.

Als Katherine ihn zu Heirat und mehr Häuslichkeit drängt zum Beispiel, wird Vincent kurz darauf im Traum von einer hexenhaften Katherine verfolgt, die ihn mit einer blutigen Essgabel aufzuspiessen droht. Und als die Rede aufs Kinderkriegen kommt, manifestiert sich das in Vincents Traum als Baby-Monster mit Kettensäge in der einen Hand und Maschinengewehr in der anderen.

Schafe haben Kletter-Tipps auf Lager

Die Traumwelt, durch die sich Vincent jede Nacht kämpfen muss, ist stimmig gestaltet: Stimmfetzen sind zu hören, aus der Ferne dringt unablässig das Geläut von Kirchenglocken und andere Spielfiguren sind beim Klettern zu sehen: Schafe, die Blöcke hin- und herschieben und manchmal ins bodenlose stürzen.

Diese Schafe - andere Männer, die wie Vincent jede Nacht im selben Traum gefangen sind - haben Tipps parat, wie sich noch besser klettern lässt. Diese Tipps sind dringend nötig, denn die Puzzles in «Catherine» können frustrierend schwer sein - auch weil sich das Game nur selten speichern lässt. Schwierige Passagen müssen immer und immer wieder durchklettert werden, bevor man sie endlich geschafft hat.

Frustrierend aber gut

Wem dabei vor lauter Anspannung der Game-Controller zu zerbrechen droht, darf sich auf mehrminütige Anime-Sequenzen freuen, die Vincents Albträumen folgen und das Spiel nahezu als Thriller nur zum Zuschauen funktionieren lassen.

«Catherine» ist ein ungewöhnliches Spiel, dem ein Mix der unterschiedlichsten Elemente. Zuweilen auch ein frustrierendes Spiel - aber wer sagt denn, dass frustrierende Spiele nicht auch gute Spiele sein können?

Autor/in: Jürg Tschirren