Deus Ex: Human Revolution

Schleichen oder schiessen? Wir entscheiden.
Bildlegende: Schleichen oder schiessen? Wir entscheiden.

Hätten wir die Technologie, uns mit Prothesen und Implantaten mechanisch zu verbessern, würden wir das wahre Potential der Menschheit entfesseln? Oder würde die Welt im Chaos versinken und wir unsere Menschlichkeit verlieren? Damit beschäftigt sich «Deus Ex: Human Revolution» - und wird der Komplexität der Fragestellung gerecht. Soll noch einer sagen, Spiele griffen keine gesellschaftlich relevanten Themen auf.

In «Deus Ex: Human Revolution» (DXHR) gibt es «Augmentations», Verbesserungen, für alles mögliche zu kaufen. Arme, die so stark sind, dass wir Kühlschränke durch die Gegen werfen und durch Wände boxen können. Beine, die uns erlauben, schnell und lautlos zu sprinten. Augenimplantate, die uns durch Wände sehen lassen. Hirnchips und Pheromondüsen, mit denen wir unser Gegenüber in eine gewünschte Entscheidung manipulieren können. Unsichtbar sein, gefahrlos von Hochhäusern springen oder giftige Gase einatmen - all das ist zu haben, bei Biotechnologie-Unternehmen wie Sarif Industries oder Tai Yong Medical.

Und natürlich werben diese Unternehmen in ihren Hochglanzbroschüren mit dem verbesserten Leben, das Beinprothesen einem Unfallopfer geben können, mit dem Augenlicht, das Blinden gegeben wird, mit den Menschen, die ohne die Technologie krank oder tot wären. Aber das ist genau das, was es ist: Werbung. Daneben gibt es Menschen, die jeden Einsatz der Technologie grundsätzlich ablehnen, die Angst vor den «Augs» (den «Augmenteds», den Verbesserten) haben oder sie verachten. Und es gibt Verbrecher, die allen denkbaren damit Missbrauch treiben.

Komplexe Geschichte

Es geht um Kontrolle und Zugang: Wer kontrolliert die Technologie? Wer hat Zugang zu ihr? Soll es Regeln geben, welche Augmentations zugelassen werden und welche nicht? Wer setzt diese Regeln fest, und wie soll man sie kontrollieren? Wer kann sich Augmentations leisten? Verlieren wir mit zu viel Technologie im Körper unsere Menschlichkeit, oder beschleunigen wir im Gegenteil lediglich die Evolution? Erhalten die Hersteller zu viel Macht? Könnten sie oder andere die Technologie missbrauchen, um «Kunden» fernzusteuern? Ist das Verbessern der sterblichen Hülle mit Religion vereinbar? Ermöglicht die Technologie eine Revolution der Menschheit, eine Human Revolution, oder ist sie im Gegenteil eine Büchse der Pandora, die schleunigst wieder geschlossen gehört?

Diese Diskussion findet statt in der Welt von DXHR, und wir werden laufend mit ihr konfrontiert. Sei es über Emails, Bücher oder Fernseh-Berichte, auf die wir stossen, überall blitzt die Möglichkeit einer Geschichte auf; oder sei es in Unterhaltungen mit Spielfiguren und den Verlauf der erzählten Geschichte. Wir übernehmen darin die Rolle von Adam Jensen, dem Sicherheitschef von Sarif Industries. Jensen ist selber ein Aug - und ein besonderer dazu. Er weist eine genetische Mutation auf, die sein Immunsystem die Augmentations tolerieren lässt. Er ist deshalb nicht auf Medikamente angewiesen. Könnte diese Fähigkeit allen zugänglich gemacht werden,  würden Kontroll- und Abhängigkeits-Probleme entschärft, die Technologie würde einem viel breiteren Kreis zugänglich.

Freiheit der Tat

Wie wir uns durch die turbulente Handlung kämpfen, bleibt uns überlassen. Wir können uns wie ein eiskaltes Arschloch aufführen und alles über den Haufen schiessen, was sich bewegt. Oder wir können jede Konfrontation meiden, an Gegnern vorbeischleichen, durch Lüftungsschächte kriechen, Sicherheitssysteme hacken und nur im äussersten Notfall mal eine Wache betäuben.

Ich habe Adam Jensen als Computerspezialist gespielt, der Türen und Computer hackt und sich unsichtbar an Gegnern vorbeischleicht. Und der Menschen überzeugen kann und sich freundlich verhält (jedenfalls den Freundlichen gegenüber); er wurde deshalb im Spiel auch einmal mit leicht spöttischem Unterton als «the robot with a heart of gold» bezeichnet.

Nach Abschluss der Geschichte hatte ich genau deswegen wie wohl noch fast nie zuvor Lust, das Spiel noch einmal von vorne zu beginnen, mit einem neuen Adam Jensen. Und das faszinierende ist nicht nur, dass das überhaupt funktioniert, sondern dass das Spiel gleichermassen interessant ist.

Dass DXHR durchaus auch danebenlangt, lest ihr im Blog, und wer mit mir diskutieren mag, kann das dort tun.

Im Lüftungsschacht in
Sicherheit, denkt Adam nach:
Was ist Menschlichkeit?

Autor/in: Guido Berger