Driver: San Francisco

Es gibt eine BBC-Serie, die heisst «Life on Mars» und handelt von einem Polizisten, der nach einem Autounfall plötzlich in den 1970er Jahren aufwacht.

Da zuckt der Bleifuss: John Tanners Dodge Challenger, eines von vielen US-Musclecars in «Driver: San Francisco»
Bildlegende: Da zuckt der Bleifuss: John Tanners Dodge Challenger, eines von vielen US-Musclecars in «Driver: San Francisco»

Es gibt einen US-Film von 1968, der heisst «Bullit» und zeigt Steve McQueen, der als Polizist in einem Ford Mustang durch die Strassen von San Francisco rast. Und neu gibt es ein Game, das heisst «Driver: San Francisco» und bringt das alles irgendwie zusammen.

Aber der Reihe nach: Wir spielen den Polizisten John Tanner, der einen alten Feind verfolgt, Verbrecherboss Jericho. Während der Verfolgungsjagt geraten wir rasch in einen schlimmen Autounfall  den Tanner ohne einen Kratzer zu überleben scheint.

Allerdings: Von nun an sieht Tanner auf Plakatwänden Nachrichten, die nur zu ihm sprechen. Und im Hintergrund sind Stimmen von Sanitätern und das Piepsen von Ambulanz-Geräten zu hören. Schnell wird klar: Tanner hat den Crash nicht unbeschadet überstanden, die kommenden Abenteuer in den Strassen von San Francisco sind ein Koma-Traum.

Per Knopfdruck in den fremden Körper

Soweit die reichlich abstruse Prämisse von «Driver: San Francisco». Was das Spiel daraus macht, hat aber Hand und (Blei)Fuss: Tanner kann aus seinem Körper herausfahren und sich in den Körper anderer Autofahrers versetzen. Auch das mag sich wirr anhören, lässt uns aber ohne grossen Aufwand in jedem Fahrersitz der Stadt Platz nehmen.

Und das geht so: Per Knopfdruck erhalten wir die Möglichkeit, den Wagen zu wechseln. Das Bild zoomt aus in die Vogelperspektive, von wo aus wir Autos, Taxis, Polizeiwagen, Sattelschlepper oder Lastwagen wie Ameisen in den Strassenschluchten sehen.

Nehmen wir ein Gefährt ins Fadenkreuz, werden Angaben zur dessen Geschwindigkeit, Kraft und Kurvenverhalten eingeblendet. Ein weiterer Knopfdruck, und wir schlüpfen in den Körper des Fahrers. Was zu durchaus komischen Momenten führen kann: Etwa wenn die Beifahrerin im VW Beetle munter weiter über ihr Liebesleben erzählt vom plötzlichen Fahrerwechsel hat sie ja nichts mitbekommen und entsetzt schreit, wenn wir den Wagen spasseshalber auf den Bürgersteig steuern.

Der Sattelschlepper als Sprungschanze

Dieses «Shiften» zwischen verschiedenen Fahrzeugen ist aber mehr als blosse Unterhaltung. Später im Spiel begegnen wir Aufgaben, die sich nur durch geschickten Einsatz des Shift-Mechanismus' lösen lassen. Zum Beispiel, wenn wir blitzschnell in einen entgegenkommenden Lastwagen wechseln, um frontal ein Auto zu rammen, das wir bisher erfolglos verfolgten. Oder um bei einem Rennen nicht nur den ersten, sondern gleich auch den zweiten und den dritten Platz zu belegen.

Solche Aufgaben bietet «Driver: San Francisco» mehr als genug: Neben der Hauptstory, in der wir Jericho zur Strecke bringen, gibt es in der ganzen Stadt verstreute Herausforderungen wie Verfolgungsjagden, Stunt-Fahrten oder Zeitrennen. Für jede erfolgreich absolvierte Aufgabe erhalten wir Punkte, mit denen wir neue Autos kaufen oder neue Fähigkeiten erwerben können.

Daneben steht die Stadt auch zur freien Erkundung bereit. Wer also ausprobieren will, ob die Ladefläche eines vor ihm fahrenden Sattelschleppers als Sprungschanze taugt, kann das jederzeit tun.

Simple Steuerung, gut umgesetzt

Bei «Driver: San Francisco» steht also das Fahren im Vordergrund. Klingt selbstverständlich, war aber nicht immer so: Der Vorgänger «Driv3r» etwa der dritte Teil der mit über 16 Millionen verkauften Exemplaren sehr erfolgreichen «Driver»-Reihe versuchte sich als «Grand Theft Auto»-Klon und liess den Spieler das Auto verlassen und zur Waffe greifen. Nach verheerenden Kritiken für die miserable Umsetzung dieser Spielidee ist es schön zu sehen, dass Hersteller Ubisoft wieder zu den Wurzeln der Reihe zurückgekehrt.

Und die legt viel Wert auf Action: Ein Button für's Gas, einer für die Bremse und der Steuerknüppel zum Lenken viel mehr braucht es nicht, um «Driver: San Francisco» zu spielen. So simpel Steuerung sein mag, gibt sie uns doch nie das Gefühl, ein Wagen fahre sich von selbst (wer detailgetreuen Realismus sucht, ist aber bei Rennspielen wie «Gran Tourismo» bestimmt besser aufgehoben).

Vor lauter Action geht dabei die Kulisse fast vergessen: Die Strassen von San Francisco bieten für ein Rennspiel zwar optimale Voraussetzungen (Hetzjagden durch enge Gassen! 15-Meter-Sprünge über Strassenwellen!), doch von der Stadt an sich bleibt im Gedächtnis wenig haften. Immerhin gibt sich das Spiel Mühe, einzelne Sehenswürdigkeiten in bestimmte Aufgaben einzubeziehen: Das schnelle Wenden mit Handbremse lernen wir ausgerechnet in der kurvenreichen, steilen Lombard Street.

Die Rückkehr des Koma-Patienten

Insgesamt ist «Driver: San Francisco» die starke Rückkehr zu einer Serie, die nach einigen schwachen Teilen quasi selbst schon im Koma lag. Dabei trägt der gut umgesetzte Shift-Mechanismus viel zum Spielspass bei.

Fraglich bloss, ob das Game auch auf lange Sicht unterhalten kann. Der Hauptstory rund um Verbrecherboss Jericho fehlt die Dringlichkeit, uns immer wieder ins Spiel zu ziehen. Und die unzähligen Aufgaben und Herausforderungen abseits der eigentlichen Geschichte wirken schnell repetitiv.

Wer den Story-Modus satt hat, dem stehen aber weitere Spieloptionen zur Verfügung. Etwa eine spannende Multiplayer-Variante, in der wir möglichst dicht hinter einem vorausfahrenden Wagen rasen müssen.

Autor/in: Lucius Müller