El Shaddai: Glorreich verwirrende Engel

Kein Spiel hat mich je so verwirrt zurückgelassen. «El Shaddai» bedient sich jüdisch-christlicher Mythologie und brennt ein üppiges visuelles Feuerwerk ab, das uns meditativ entrückt. Ein absolut aussergewöhnliches Spiel - und darum absolut spielenswert.

Enoch zeigt Engeln, wo Gott hockt.
Bildlegende: Enoch zeigt Engeln, wo Gott hockt.

Die Handlung von «El Shaddai» bezieht sich auf das Buch Enoch. Es enthält einen jüdischen religiösen Text, der ungefähr 300 Jahre v. Chr. entstand. Zwar ist das Buch Enoch weder Teil des jüdischen noch des christlichen Kanons - es gilt aber als eines der ersten Werke, das Himmel und Hölle beschreibt.

Visuelle Wucht

«El Shaddai» ist visuell schlicht atemberaubend. Wir beginnen in einer eisigen, lichten Welt, aquarellähnlich gezeichnet, mit viel Weiss und Hellblau. Wir steigen einen Turm hinauf, der in Lava-Rot leuchtet, vor dem Hintergrund eines riesigen Feuerwerks. Wir streifen durch einen stilisierten Wald aus dunklen Silhouetten. Wir springen über schaumige Wellen, durch psychoaktive Pilzlandschaften, fahren Motorrad in einer Cyberpunk-Stadt, steigen abstrakte Lichttreppen hoch oder verfolgen das Duell zweier Kämpfer als riesig vergrösserte Schatten auf einer Papierwand. Die Welten kümmern sich nicht um Konsistenz, das Spiel lebt im Gegenteil davon, dass wir ständig überrascht werden, wo wir als nächstes hineingeworfen werden.

Gefallene Engel

Es erzählt die Geschichte von gefallenen Engeln, die auf die Erde hinabsteigen und mit den Menschen Kinder zeugen, die Nephilim. Die Engel errichten Reiche, machen sich zu Göttern - was dem einzigen Gott selbstverständlich missfallen muss. Der holt sich deshalb einen Menschen mit besonders reinem Herzen in den Himmel: Enoch. Ihm gibt er den Auftrag, die gefallenen Engel zurückzuholen, notfalls mit Gewalt.

Die groben Bögen der Geschichte sind zwar nachvollziehbar, die üppigen Details dagegen komplett konfus. Für mich - wie wohl für die meisten - ist der Fundus, aus dem «El Shaddai» schöpft, unbekannt und exotisch. Und wie beim Visuellen hat man sich auch inhaltlich nicht eingeschränkt oder der Vorlage gegenüber verpflichtet gefühlt. Der gefallene Engel Ezekiel z.B. tritt in der Gestalt eines Grossmütterchens auf, die sich drei riesige Kampfschweine in eindrücklicher Plattenrüstung hält, mit den grossartigen Namen Foola, Woola, und Boola. Oder diese Nephilim-Kreaturen, die aus der «Vereinigung» von Engeln und Menschen entstanden sind und sich selber auffressen, was zu schrecklichen Feuermonster-Mutationen führt.

Crazy!

Popkulturelle Querverweise, abgefahrenen Ideen und Religions-nerdige Anspielungen verwirren grenzenlos, immer eins mehr. Das ist Konzept - man könnte die These wagen, dass uns das Spiel so lange gezielt verwirrt, bis wir endlich loslassen. Denn das ist genau das zentrale Problem mit der Religion eines modernen, aufgeklärten, säkularen Menschen: Dass wir nicht in der Lage sind, den Glaubenssprung zu wagen, Dinge zu glauben, die man eigentlich nicht glauben kann. Als religiöser Mensch muss man die Ratio beiseite legen können, loslassen und springen. Diese Erfahrung versucht das Spiel zu vermitteln: Den Zwang, verstehen zu wollen, einfach loszulassen. Es verwirrt uns so lange, bis wir nicht mehr anders können, als uns der Meditation hinzugeben. «El Shaddai» ist ein Spiel wie kein anderes. Es überrascht mit ungezügelter Fantasie und schafft eine Welt, die man nirgendwo sonst erleben kann.

Die aussergewöhnliche Entstehungsgeschichte von «El Shaddai» lest ihr im Blog: «El Shaddai: Glorreich verwirrende Engel».

Engel-Jeans sind eng,
das Kampfschwein ist gepanzert.
Verwirren ist gut.

Zur ausführlichen Kritik

Autor/in: Guido Berger