From Dust: Der Atem Gottes staut den Bach

In «From Dust» übernehmen wir eine gottgleiche Rolle: Wir formen die Welt aus Sand, Gestein, Wasser und Lava, um das Überleben eines kleinen Stammes maskierter Menschen zu sichern. Wer als Kind gerne stundenlang versucht hat, einen Bach zu stauen, wird sich an solche Aufgaben erinnern.

Masken-Menschen, der Naturgewalt ausgeliefert
Bildlegende: Masken-Menschen, der Naturgewalt ausgeliefert

Die Felsen und Flüsse und Sandstrände und Palmenhaine und Lavaströme in «From Dust» sind unheimlich schön anzusehen. Und das Los der kleinen Gruppe von fast schutzlosen Menschen, die darin leben, ist hart. Ihre eben erst errichteten Hütten können jederzeit von Fluten verschlungen werden oder in Flammen aufgehen. Doch immerhin erhalten die armen Kreaturen Hilfe - von uns. Wir übernehmen die Rolle eines Gottes, der die Erde so formt, dass die Menschen darauf überleben und sich Vegetation und Tiere ausbreiten können.

In jedem Level wird unser hinter Masken verstecktes Völklein in eine nackte, menschenfeindliche Umgebung gesetzt. Wir können diese Umgebung verändern, mit dem «Odem», dem Atem Gottes. Wir können Sand aufheben und an anderer Stelle wieder absetzen - und so z.B. einen Fluss umleiten oder zwei Inseln miteinander verbinden. Später kommen Vulkane und Lavaströme dazu, die Lava können wir verwenden, um Gestein aufzuschichten.

Übermenschliche Fähigkeiten, aber nicht allmächtig

In der Welt stehen bereits verschiedene Totems. Sie zeigen an, wo das Volk ein Dorf einrichten kann. Wenn alle Dörfer auf einer Karte errichtet und gesichert sind, öffnet sich ein Pfad in die nächste Welt. Hier ist nichts permanent, die Menschen ziehen sofort weiter, in der steten Hoffnung, von uns in eine bessere Welt geleitet zu werden.

Die Totems geben uns oder den Menschen auch zusätzliche Fähigkeiten. So kann das Volk einen Schutzzauber gegen Wasser oder Lava erhalten, womit sie ihr Dorf vor den Fluten eines Tsunamis schützen können. Auch wir erhalten neue Möglichkeiten: Wir können z.B. Wasser für einen kurzen Moment einfrieren und wie Moses einen Weg öffnen, um Menschen sicher über einen Fluss zu bringen. Später erscheinen ausserdem noch Bäume mit bestimmten Eigenschaften, die wir strategisch umpflanzen können, um z.B. die Ausbreitung von Feuersbrünsten zu verhindern oder ein Loch in eine Felswand zu sprengen und so einem Fluss ein neues Bett zu ermöglichen.

Trotzdem fühlen wir uns alles andere als allmächtig. Denn wir haben diese Natur weder geschaffen noch haben wir sie wirklich unter Kontrolle. Laufend rollen neue Wellen heran, Flüsse graben neue Wege oder lagern Sedimente ab, Vulkane brechen aus, Lavaströme fressen sich durch sicher geglaubte Felswände. In einem Level sitzen wir auf einem Atoll fest, dessen Inneres bei Flut unter Wasser ist und nur bei Ebbe Siedlungsmöglichkeiten verspricht. Wie in Holland müssen wir Wege finden, die Flut zu verdrängen.

Modernes Gott-Spiel

«From Dust» gehört in das Genre der Gott-Spiele. Es zeigt mit seiner atemberaubenden Geologie-Simulation, wie weit sich die technischen Möglichkeiten entwickelt haben. Heute können wir den Fluss von Lava und Wasser, die Ablagerung von Gestein und Sedimenten simulieren und kleinen Menschen zusehen, die versuchen, ihren Weg durch die Unwirtlichkeit zu finden.

Und «From Dust» führt anschaulich die Anziehungskraft der Simulation vor, ohnehin die grösste Stärke des Mediums. Das ist ein kurzes Spiel, die erzählte Geschichte ist eine einfache Fabel und die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten sind bewusst beschränkt. Doch wie wir als Kind auch bei jeder Gelegenheit in den Bach gestiegen sind und versucht haben, mit Steinen und Ästen einen Damm zu errichten, so zieht mich «From Dust» immer wieder in diesen Sandkasten zurück, um noch etwas mehr Erde umzuschichten und zu beobachten, was passiert.

Wie Game-Designer Eric Chahi auf die Idee kam und welche theologische Position das göttliche Wesen in «From Dust» einnimmt, lest ihr in Guidos Blog: «From Dust: Der Atem Gottes staut den Bach».

Der Atem Gottes
staut den Bach, formt die Natur.
Wir sind nichts als Staub.

Zur ausführlichen Kritik

Autor/in: Guido Berger