London 2012: Das offizielle Videospiel der olympischen Spiele

Die Olympischen Sommerspielen in London beginnen in wenigen Tagen, doch wer daran teilnehmen will hätte sich längst schon anmelden und qualifizieren müssen. Der verhinderte Olympionike greift deshalb zum Game-Controller und zu London 2012: Das offizielle Videospiel der olympischen Spiele.

Achtung - Fertig - Mittelmass!
Bildlegende: Achtung - Fertig - Mittelmass!

Zumindest virtuell müsste das mit dem Olympia-Gold im Stabhochsprung doch zu schaffen sein...

Wer ein Olympia-Spiel kauft, weiss was ihn erwartet: Ein paar Dutzend Sport-Mini-Games, bei denen der Gewinnt, der am schnellsten die Controller-Knöpfe drückt oder besonders rhythmisch den Analog-Stick bewegt. Das war schon bei den ersten Vertretern des Genres so und daran hat sich kaum etwas geändert.

Also weiss man auch, was einen bei London 2012: Das offizielle Videospiel der olympischen Spiele (ich werde den Titel stets vollständig ausschreiben, um mir Scherereien mit dem IOC zu ersparen) erwartet. Und denkt sich bei jedem schlechten Moment «Pfff, dachte ich mir eh schon, dass es sowas geben wird» und bei jedem guten «Naja, hätte mich gewundert, wenn das nicht gelungen wäre». Am Ende bleibt Indifferenz.

Für Sammlertypen: Mehr als 40 Disziplinen

Und das ist ein Grundproblem von Franchise-Spielen wie London 2012: Das offizielle Videospiel der olympischen Spiele: Keiner wartet wirklich auf sie, ausser die Leute, die sich dank «London» und «Olympia» im Titel den grossen Reibach erhoffen. Niemand erhofft sich sehnlichst ein Game mit möglichst vielen verschiedenen Sportarten, wenn ihm eine einzige -originell und sauber umgesetzt - schon langen würde.

So kämpft man sich bei London 2012: Das offizielle Videospiel der olympischen Spiele also durch mehr als 40 Disziplinen, bei denen es entweder auf schnelles Tastendrücken ankommt (100 Meter Sprint), auf Rhythmusgefühl (Schwimmen), schnelle Reaktion (Turmspringen) oder auf Konzentration und ein gutes Auge (Bogenschiessen).

Schwimmen beruhigt, Turmspringen ärgert

Was ist gut? Bogenschiessen zum Beispiel, weil Schiessen und Computerspiele schon immer ein gutes Paar waren. Und auch das bei den Schwimmdisziplinen nötige fliessende Hin- und He-Bewegen der Analog-Sticks hat etwas angenehm beruhigendes. Ganz allgemein macht es mehr Spass, eine Disziplin gegen einen Freund zu spielen als alleine gegen den Computer.

Was ist schlecht? Stabhochsprung etwa ist kaum mehr als ein Quick Time Event, wo im entscheidenden Moment eine bestimmte Tastenkombination gedrückt wird, um den Wettkampfrichtern möglichst viele Punkten abzuringen. Und Beach Volleyball ist dank trotteligem Computer-Mitspieler und unvorteilhafter Spielansicht ein reines Ärgernis. Ebenso das Tontauben-Schiessen, das einen mit seiner unpräzisen Steuerung in den Wahnsinn treibt. Ärgerlich auch, dass es keine Trainingsmöglichkeiten gibt. Wer als Einzelspieler für sein Land zum Turnier antritt muss erst eine Qualifikationsrunde überstehen und danach gilt es schon ernst.

Keine Trainingsmöglichkeiten

Und wenn wir schon beim Stichwort «Ärger» sind: Einzelne Disziplinen lassen sich als Party-Game auch mittels Gesten-Steuerung ohne Controller spielen (mit Xbox-Kinect- bzw. Playstation-Move-Sensor). Dabei trifft man auf bekannte Probleme der Gesten-Steuerung: Entweder ist sie als Eingabeart zu unpräzise und sorgt für Ärger. Oder die Steuerung wird dermassen vereinfacht, dass sie kaum mehr an die eigentliche Sportart erinnert. Bei Laufdisziplinen zum Beispiel gilt es, so schnell als möglich mit den Armen zu wedeln, während die Beine stehen bleiben.

London 2012: Das offizielle Videospiel der olympischen Spiele zeigt anschaulich den derzeitigen Stand der Game-Welt, in der es mehr als genug mittelmässige Spiele gibt, aber kaum mehr wirklich schlechte. Ein Grund dafür ist technischer Natur: Xbox und Playstation sind technisch ausgereizt, Entwickler wissen heute genau, welche Möglichkeiten sie haben und wie sie umzusetzen. Erst die bereits angekündigten Nachfolgemodelle der heutigen Konsolen dürften zu Beginn ihrer Einführung wieder Platz für wirklich Misslungenes bringen.

Routine auch auf der Business-Seite: Grosse Entwickler haben genug Routine, böse Überraschungen am Ende eines langwierigen Entstehungsprozesses gar nicht erst passieren zu lassen. Gerade bei einem Spiel wie London 2012: Das offizielle Videospiel der olympischen Spiele, wo die Olympia-Franchise-Kosten einen grossen Teil des Budgets ausmachen, gab es bei Hersteller Sega bestimmt genug Qualitätssicherungs-Massnahmen, einen Flop zu vermeiden. So ist es kein schlechtes Spiel geworden, bloss ein durch und durch voraussehbares.

Autor/in: Jürg Tschirren