Max Payne 3 – Kugelhagel in São Paulo

Ein Antiheld unter Palmen: Im dritten Teil der Max-Payne-Reihe verschlägt es den zynischen Ex-Cop nach Brasilien. Max Payne 3 ist ein Action-Shooter mit filmischem Flair, der mit seinem einfallsreichen Multiplayer-Modus auch längerfristig unterhalten kann.

Das Hemd täuscht: Max Payne ist immer noch keine Frohnatur
Bildlegende: Das Hemd täuscht: Max Payne ist immer noch keine Frohnatur

«Rock Bottom» nennt der Amerikaner sowas - ganz unten. Dort sehen wir Max Payne im dritten Teil der Shooter-Reihe. Alkoholkrank, tablettensüchtig und die Mafia am Hals, verlässt er das heimische New York (bzw. New Jersey  - Rock Bottom eben) in Richtung São Paulo, Brasilien. Dort soll er als Bodyguard für einen reichen Geschäftsmann arbeiten.

Doch statt Sonne, Strand und schöne Frauen erwartet Max dasselbe wie zu Hause: Gewalt, Gewehre und Gangster. Und Ghetto: Denn auf der Suche nach der entführten Frau seines Auftraggebers lernt Max Payne die brasilianischen Favelas kennen. Die Film-Noir-Einflüsse der ersten beiden Teile ist weg (ebenso wie die Comic-Überleitungen zwischen den Kapiteln), dafür lassen moderne Action-Filme wie «Cidade de deus» und «Tropa de elite» grüssen.

Die Spannung liegt im Detail

Viel Film bietet auch das Spiel selbst: Mit Split-Screens, Farbverfremdungen und Bilddoppelungen nähern sich die Bilder der psychischen Verfassung des Protagonisten - der nach zu viel Alkohol und Tabletten auch öfter doppelt sieht. Und weil die portugiesischen Dialoge nicht übersetzt werden fühlt sich der Spieler in den brasilianischen Slums ebenso fehl am Platz und überfordert wie Max Payne selbst.

Dass die kleinen Details stimmen, dass wir im Hintergrund Kinder sehen, die auf einem heruntergekommenen Basketballplatz in der Favela Fussball spielen, Mütter, die bei Max' Anblick rasch die Fensterläden schliessen, das alles macht das Spielen zu mehr als bloss einer grossen Schiessbude. In den besten Momenten werden wir mitgenommen in eine fremde Welt, die mehr ist als blosse Spiel-Staffage.

Sterbensechte Bewegungen

Max Payne 3 bietet keine offene Welt, wie in anderen Rockstar-Games (etwa Grand Theft Auto, um das prominenteste zu nennen). Was wann wo passiert ist vorgegeben, der Spieler kämpft sich auf festgelegten Wegen durch zunehmend schwieriger werdende Levels. Das geschieht linear und einigermassen repetitiv: (Lange) Cutscenes etablieren eine Gefahrensituation, Revolver werden gezückt, es wird geschossen, was das Zeug hält (was Max trotz Alkohol und Tabletten immer noch mit grosser Sicherheit macht). Dann: Nächstes Kapitel und wieder von vorne.

Doch alleine schon die gut geschriebenen Dialoge und Monologe lassen keine Langeweile aufkommen (wenige Spiele reden schon in der Anfangsszene von «triple down economics»). So sehr, dass es auch Spass macht, einem anderen Spieler über die Schultern zu schauen und zu sehen, wie Max Paynes Gegner im Kugelhagel zucken und fallen (dank Einsatz der Euphoria-Engine übrigens sehr lebens... äh: sterbensecht). Wer selbst den Controller zur Hand nimmt, wird sich über eine präzise Steuerung freuen und die Möglichkeit, bei Bedarf eine Zielhilfe zuzuschalten.

Abwechslung dank Multiplayer-Modus

Trotzdem: Nach einmal spielen würde man Max Payne 3 kaum noch einmal zur Hand nehmen, zu wenig neues gäbe es zu entdecken - wäre da nicht der Multiplayer-Modus. Nicht eben eine Spezialität von Rockstar, war man gespannt, wie dieses für Shooter-Spiele fast unverzichtbare Feature umgesetzt würde.

Neben den für Online-Multiplayer-Shooter üblichen Zutaten gibt es einiges, das den Multiplayer-Modus auf für längere Zeit spannend macht: «Vendetta» zum Beispiel, wo man sich an seinen Online-Peinigern rächen kann. Wird man zweimal vom selben Gegenspieler getötet, wird dieser markiert. Tötet man ihn darauf, erhält man dafür einen Bonus an Erfahrungspunkten. Töter einen der Gegner ein drittes Mal, gehen die Punkte an ihn.

Und plötzlich steht die Zeit still

Mit den Erfahrungspunkten lassen sich im Multiplayer-Modus neue Fähigkeiten erkämpfen. Eine davon ist die aus dem Einzelspieler-Modus bekannte (und geliebte) «Bullet-Time»: Die Zeit um Max herum verlangsamt sich und Feinde können in Ruhe anvisiert und erledigt werden. Damit so etwas auch im Multiplayer-Modus funktioniert (wo die Zeit ja nicht für jedermann stillstehen kann), sind nur die Gegner im unmittelbaren Gesichtsfeld des Spielers davon betroffen.

Eine andere Spezialfähigkeit nennt sich «Paranoia»: Alle Mitglieder eines gegnerischen Teams halten sich plötzlich für Feinde - und erledigen sich dank «Friendly Fire» hoffentlich selbst. Nicht unpassend für einen Helden wie Max Payne, der dank Tabletten und Alkohol einen Zustand wie Paranoia gut kennen dürfte.

Autor/in: Jürg Tschirren