SSX: Schnitzeljagd am Mount Everest

Hey Kids! Die Extremsportart eurer Wahl repräsentiert euer innerstes Wesen nicht etwa mangelhaft, weil sie noch nicht X-TREM genug ist. Sondern weil, es schwant euch schon, ihr wohl komplexer gebaut seid als «Uberflipnosegrab! Whoa!».

Nicht runterfallen, Bürschtli!
Bildlegende: Nicht runterfallen, Bürschtli!

Die Rahmenhandlung des Snowboardspiels «SSX» hat mir einen schweren Anfall von Alter-Mann-itis beschert; die wilden Fahrten auf den Hängen des Himalaya hingegen Hochgefühle.

Die Essenz von «SSX» ist der Flow, ein entspannter Rauschzustand der Geschwindigkeit und souveräner Show. Und wie: Höhere, schnellere, wirbligere Tricks sind eine wahre Freude. «SSX» bemüht sich, das Spektakel auf 12 zu drehen. Wir fahren in Sibirien, der Antarktis, am Kilimanjaro und dem Mount Everest. Wir benutzen einen Wingsuit, um kurze Strecken zu fliegen. Wir springen so hoch, dass wir an den Kufen eines Helis herum hampeln.

Im Vergleich zu früheren Ausgaben wirken die Berge etwas naturalistischer. Man hat offenbar Satelliten-Daten der NASA verwendet, um die Berge zu modellieren. Von Realismus ist zum Glück aber nichts zurückgeblieben. Das ist eine Cartoon-Version der Realität - wir erkennen den Berg noch, aber er ist überzeichnet. Also eine tolle Mischung aus «Ja, das könnte da am Mount Everest so aussehen» und «Woooohoooo, ich benutze eine Kühlturm-Ruine als Halfpipe!».

Die Strecken sind mehrheitlich toll gelungen und es gibt sehr viele davon. Ein Problem hatte ich allerdings: Auf einigen Strecken kann man runterfallen, und dann ist der Lauf zu Ende. Das mag ich gar nicht. Man hat zwar eine Rewind-Funktion eingebaut - per Knopfdruck kann man einige Sekunden zurückspulen und den Sturz so verhindern. Für das Benutzen dieser Funktion wird man aber bestraft (mit Punkteabzug und dem Umstand, dass Gegner einfach weiterfahren), die wurde wirklich nur eingeführt, um diese Stürze auffangen zu können. Man hätte auch den einfacheren Weg gehen können, den tausend andere Rennspiele wählen: Man verliert etwas Zeit und wird automatisch auf die Strecke zurück gesetzt.

Das widerspricht total dem Gefühl, das den Reiz von «SSX» ausmacht, dem ununterbrochenen Fluss. Ich will mich bedenkenlos den Hang herunterstürzen können, an jeder Kuppe einen Backside1080latenosegrabtogoofy probieren, und für eine gelungene Linie belohnt, aber nicht für Risiko bestraft werden.

Abgesehen davon strotzt der Online-Modus von «SSX» nur so vor guter Ideen. Um ein Rennen gegen andere zu fahren, müssen wir nicht wie sonst in einer Lobby herumhängen, bis sich einige ungefähr gleich starke Gegner gefunden haben. Sondern wir können sofort in jedes beliebige Rennen einsteigen.

Wir fahren dann um Zeit oder Trick-Punkte. Wir zahlen eine sog. «Drop Cost» (in Spielwährung), und diese Eintrittsgelder aller Spieler kommen in einen Pott. Nach einer bestimmten Zeit wird die Rangliste des Rennens abgeschlossen und in mehrere Abschnitte aufgeteilt. Wer sich im obersten Abschnitt platzieren kann, erhält viel Geld aus dem Pott, aufgeteilt auf wenige. In den unteren Abschnitten gibt es nur wenig Preisgeld, verteilt auf viele. Das ist ein tolles Prinzip, denn es ermöglicht viele Strategien (Fahre ich im Rennen mit dem grossen Pott, aber mit tausenden Gegnern? Oder in einem, wo nur wenige mitfahren, dafür muss ich mit weniger Spielern teilen?) und es eliminiert das Warten in Lobbys.

Ebenfalls genial ist die Idee der Geotags. Auf jeder Strecke sind diese leuchtenden Kugeln platziert, wenn wir sie einsammeln, erhalten wir Spielwährung. Doch nicht nur die Entwickler legen Geotags hin, auch wir Spieler können sie ablegen. Alle anderen, die «SSX» online spielen, sehen diesen Geotag dann und können ihn wieder einsammeln. Und je länger mein Geotag nicht gefunden wird, desto mehr Credits erhalte ich. Ich habe also ein Interesse daran, den Geotag möglichst gut zu verstecken; und alle anderen haben einen Anreiz, auch besonders abgelegene Stellen auf den Berghängen zu erkunden, weil da ja vielleicht ein seltener Geotag rumliegt. Eine weltweite gemeinsame Schnitzeljagd auf dem virtuellen Snowboard - grossartig.

Warum ich einen Anfall von Alter-Mann-itis hatte und warum ich nie mehr im Wald spazieren gehen kann, ohne einen Totenkopf vor mir zu sehen, lest ihr im Blog: «SSX: Schnitzeljagd am Mount Everest».

Der Totenkopf warnt
vor Schwerkraft, Eis und Bäumen.
Bäume! So X-TREM!

Zur ausführlichen Kritik

Autor/in: Guido Berger